Ruf eines Ertrinkenden

Ertrinkender Scheppler wies letztens per Twitter auf einen älteren Blogbeitrag des teacher hin, der sich mit dem Thema „Wissensvermittlung“ auseinandersetzt und zu dem Fazit kam: Wir geben Ertrinkenden Wasser. Auch ich gestehe: Ich ertrinke! Im Ozean der Web2.0-Tools, in all der Flut der Möglichkeiten,  im Tosen der getwitterten Möglichkeiten, in diesem intermedialen Rauschen, fühle mich hin und her geworfen zwischen all den Empfehlungen, komme mir vor wie eine Boje, ständig von platzenden Schaumblasen umspült, getrieben.

Obwohl ich immerhin ein semi-digital Native bin, ersaufe ich hier im Getoohle, Geposte, Gelalle, im ständigen Wechsel der Positionslichter, die falsches Ufer verheißen, während die scheinbar mühelos fliegenden Möwen über mir zwitschernd weiterziehen. Ich bin genug damit beschäftigt, mich einfach über Wasser zu halten. Ich bin halt kein Superlehrer.

Es war eine dumme Idee, zu weit herauszuschwimmen. Ich werde mich aus einigen Bereichen der sogenannten Web2.0-Welt zurückziehen. Zu viel Digistraction. Zu wenig Effizienz. Was hat mir das Ganze effektiv gebracht? Was ist ein verlinktes Tool ohne brauchbares Konzept? Was sind hunderte Tools, wenn irgendwann der Überblick verloren geht? Was die neueste Moodle-Ergänzung-Ersetzung-Erweiterung, wenn ich stundenlang als Administrator gebunden bin? Zeitverschwendung. Ich kann mir nicht jeden Tag dutzende didaktische Konzepte zu dutzenden neuen Möglichkeiten – egal, wie toll sie sind –  aus den Fingern saugen und dreißig Werkzeuge gleichzeitig warten, ich muss guten Unterricht machen. Vorwiegend und gezwungenermaßen unter Verzicht auf tolle Tools.

Und wie habe ich mich unter Rückgriff auf diese sogenannten Werkzeuge verhalten? Viel Getwitter, Luftblasen, Herausgeschnaubtes, wenig Blogbeiträge, Handfestes, Durchdachtes. Absondern, andere mit Häppchen abspeisen. Zuletzt war es nicht sinnlos, nicht umsonst – noch vor wenigen Tagen habe ich Twitter verteidigt und auch dieser Beitrag ist „inspired by twitter“ – aber in meiner persönlichen Kosten-Nutzen-Rechnung hätte ich letztlich doch besser ein paar Bücher (Web0.0) gelesen, anstatt meine Zeit mit 140 Zeichen und dem ganzen Firlefanz zu verschwenden. Anstatt hastig Links zu spucken, sollte ich sie prüfen, bloggen und bewerten. Sprechen, statt zu speien. Konzentrieren, statt zu zerstreuen. Sinn stiften, statt Verwirrung.

Da ist irgendwo ein Leuchtturm, das ist mein Ziel, da schwimme ich hin. Vorerst raus aus dem Meer2.0. Und vom festen Land aus werde ich die Füße ins Wasser halten und nur noch ein paar Meter weit schwimmen. Und missversteht mich nicht: Das ist kein Angriff auf die Web2.0-Welt und ihre Nutzer, sondern lediglich die Konsequenz aus meiner eigenen Unzulänglichkeit. Entschuldigt bitte, Matthias und Lisa, dass ich euch vor einiger Zeit so blöde angeranzt habe, aber ich denke, das war genau der Zeitpunkt, wo ich diesen Beitrag hätte schreiben sollen.

(Bild: carloszk)

21 Gedanken zu „Ruf eines Ertrinkenden

  1. Ich stimme Dir zu. Das Web 2.0 bietet eine Vielzahl von (zeitraubenden) Möglichkeiten. Twitter ist ein nettes Tool, aber eines, das schlimmer als ICQ, Email & Co. nicht nur die Zeit raubt, sondern, je mehr es sich verbreitet, Zeit einfordert.

    Ich finde es bedenklich, dass „Zeit in Ruhe“, sei es zum Lernen, Kreativ sein, zum Besinnen ein immer rareres Gut wird. Gerade weil es zunehmend schwerer wird sich „auszuklinken“ ohne für das Sozialgefüge wichtige Ereignisse zu versäumen. . .

  2. Geht mir auch so. Ich twittere auch nicht mehr wirklich, bleibe aber für Nachrichten erreichbar. Und lese viel mehr, gerade jetzt in den Ferien. Ich freue mich ungemein, dass es Pioniere gibt, die die Möglichkeiten ausprobieren, rechne mich aber selber nicht mehr zu denen – sondern warte darauf, dass ich die Früchte ihrer Erkenntnisse genießen kann.

  3. Am meisten nerven mich bei Twitter inzwischen die epidemisch sich vermehrenden Blip-Tweets, die nichts anderes sind als Musikempfehlungen, ja manchmal nicht einmal das, sondern nur „Ich höre gerade + Link“. Wozu das gut sein soll, frage ich mich wirklich.

    Aber ganz abgesehen davon, ich kann deine Darstellung der Überflutung durch Web-2.0-Elemente gut nachvollziehen – mir ist das auch manchmal zuviel des „Guten“ und gut Gemeinten.

  4. Wie gut kann ich das nachvollziehen! Ertappe mich doch selbst dabei, seitdem ich aus dem Urlaub zurück bin, dass ich permanent am geliebten MacBook Pro sitze und alle einfliegenden Tweets zur Notiz nehme und natürlich den entsprechenenden Link anklicke. Ich glaub, ich hab noch nie soviel Texte gelesen wie seit der Zeit, wo Twitter in mein Leben trat. Es ist eine Überflutung und gerade wir Pädagogen sollten doch wissen, dass Reizüberflutung tödlich für jeden Lernprozess ist. Danke für diesen wunderbaren Beitrag, er trifft (zumindest bei mir) genau ins Schwarze!

  5. Vergesst die Web 2.0 Werkzeuge. Die sind zweitrangig, denn es kann sein das es morgen kein Twitter mehr gibt und wir nächstes Jahr andere Formen der Kommunikation nutzen. Es geht um den längst fälligen Paradigmenwechsel im System Bildung. Ist das noch zeitgemäß? Und hier geht es nicht um digitale Whiteboards und Twitter, sondern ob Frontalunterricht, entmündigte Schüler und ein harchisches Lernsystem noch zeitgemäß sind. Wer hier neue Wege gehen will oder die alten Ideen von Pestalouzi und Montessori aufgreifen will, der findet hier gute Möglichkeiten und große Chancen. Alle anderen werden Schiffbruch erleiden. Das Internet erlaubt direkte Kommunikation und fördert den Dialog. Wer das nicht will sollte lieber die Finger davon lassen.

    Ken Robinson says schools kill creativity
    http://www.ted.com/talks/ken_robinson_says_schools_kill_creativity.html

    Clay Shirky: How social media can make history
    http://www.ted.com/talks/clay_shirky_how_cellphones_twitter_facebook_can_make_history.html

    vg://wolfgang

  6. Volle Zustimmung! Archäologie, Originalhandschriften entziffern, Aktenstudium … vor allem aber Feldforschung, also mit Leuten sprechen (z.B. oral history).
    Digitale Kommunikation macht krank! (http://unity.zum.de/blogs/freie_themen/medien/SMS-ein-Gesundheitsproblem-;art213,250)

    Aber manche Gespräche (http://wiki.zum.de/Twittergespr%C3%A4che) und manche Links bringen mir schon etwas.

    Mein Tipp: Je jünger man ist, desto weniger digital.
    Wenn ein 102-jähriger computersüchtig wird, dann hilft das aber vermutlich gegen Demenz.

  7. Na, da bin ich ja froh, nicht alleine etwas ratlos vor der neuen Web2.0-Welt zu stehen.

    @MaraFiMo
    Genau dem versuche ich zu entgehen, indem ich mich jetzt einfach peu a peu ausklinke. Zumindest teilweise. Und ich behaupte: Ich verpasse nichts. Zumindest nichts wichtiges. Klar, mir entgehen dann haufenweise coole Spielzeuge, die ich ein paar Tage ausprobiere, und massenweise Links, für deren Lektüre mir sowieso die Zeit fehlt.

    Ich verliere Informationen, aber ich gewinne ein Stück mehr von dem Gut, das ich mir ansonsten nur für teuer Geld aufwiegen lasse: Zeit.

    @Herr_Rau
    Ich denke, das werde ich jetzt ähnlich händeln.

    @rip
    Ja, aber die „kauft“ man bei Twitter eben mit – doof wird’s, wenn einige Twitterer nur noch solche Links absondern.

    @Silke
    Danke für deinen Kommentar! 🙂

    @Schule2.0
    Mir sind die Aussagen zu sehr schwarz-weiß gestrickt. Das Internet fördert Kommunikation, z.B. zwischen uns beiden, da stimme ich zu, aber man kann auch nett Kommunikation hinter jemandes Rücken betreiben (z.B. Cybermobbing) und manche Elemente von Kommunikation fehlen auch oder werden anders wahrgenommen. Ironie wird meiner Erfahrung nach gerade bei jüngeren Lesern oft falsch verstanden – da läuft Kommunikation gerne auch mal daneben. Und direkter und unmittelbarer als von Angesicht zu Angesicht – das bekommt kein Medium unserer WorldWideWelt hin… und dennoch werde ich die Finger nirgendwovon lassen, das ich für sinnvoll erachte. Aber sinnvoll muss es eben sein.

    @Fontanefan
    Ich finde auch, dass die möglichst direkte Konfrontation mit Gegenständen die gehaltvollste ist. Und auch, dass vieles der Web2.0-Welt sehr nützlich ist. Wie bei allen Sachen kommt es aber auf das Maß an – und da sind bestimmte Werkzeuge qua Ausrichtung eben kontraproduktiv bzw. die Vielzahl der Instrumente wird unbeherrschbar.

  8. Die zentrale Frage ist Medien- bzw. Kommunikationskompetenz, als Teilbereich der Sozialkompetenz, des klaren Menschenverstandes. Und daran fehlt es auch den Lehrern und Eltern. Wenn Eltern sich keine Gedanken über den Datenschutz bei Payback machen braucht man sich nicht wundern wenn ihre Kinder keine Probleme mit ihren Daten bei SchülerVZ haben. Das Internet macht die Welt nicht besser, es hilft aber den Menschen, die die Welt verbessern wollen. Im Umkehrschluss gilt. Das Internet macht nicht dümmer, es macht Dummheit nur sichtbar. Es ist einfach ein weiterer Kommunikationskanal wie Bücher, Film und Fernsehen, der gesellschaftliche Veränderungen bewirken wird, wie die Erfindung der Buchpresse 1455. Die Menschheit wird deswegen nicht untergehen, sie wird sich weiterentwickeln. Wie? Das hängt von unserem eigenen Handeln ab! Time to rumble.

  9. Finde ich prima, dass wir überwiegend einer Meinung sind (auch wenn ich diese positivistische Haltung zum Netz nicht teile), denn zur Medienkompetenz gehört auch, dass ich lerne, wo meine persönliche Grenze liegt, wann Schluss sein muss und wann Medienkonsum mir schadet, anstatt zu nützen.

    Ist wie beim Essen und Trinken: Sehr angenehme Sache, aber es kommt darauf an, was, wie und wieviel ich davon zu mir nehme.

  10. retemirabile hat einen Blogbeitrag geschrieben, den man als Kommentar zu diesem Blogbeitrag werten könnte:
    http://www.rete-mirabile.net/lernen/top-tweets-3-twitter-beitraege-und-was-ich-aus-ihnen-gelernt-habe

    Ich denke, bloggende Lehrer werden den Wert von Web 2.0 immer mit im Auge haben. Für uns ist wichtig, nicht zu übersehen, dass
    1. Schüler zwar in den Unterrichtsstunden sehr gut das, was sie nicht interessiert, herausfiltern können (da hilft bekanntlich auch mehrmaliges Wiederholen kaum)
    2. Schüler viele Kontakte mit der realen Welt noch nicht hatten, die bei uns vor (!) der Beschäftigung mit den „neuen Medien“ stattgefunden haben.
    3. das Herausfiltern von Wichtigem eine Arbeit ist, die man sich, wenn man sich auf wichtige Aufgaben konzentrieren muss, einfach dadurch ersparen kann, dass man gewisse Informationskanäle gar nicht erst aufsucht.

  11. Mein Beitrag, den Fontanfan schon verlinkt hat (danke), ist in der Tat von diesem Beitrag hier inspiriert. @hokey, Du hast den Auslöser geliefert, diese Idee nun endlich aufzuschreiben.

    Ich stimme dem Grundtenor zu, dass ein Web x.0 nicht die Beschäftigung mit Realem und die persönlich Interaktion zwischen Menschen ersetzen darf. Wie Hokey richtig sagt, kommt es immer auf das Maß an – und hier gibt es m.E. gerade ein Problem, weil das Medium noch neu und die Leute im Umgang damit noch nicht routiniert genug sind: man lässt sich tw. mit „reinziehen“ anstatt bewusst zu entscheiden, wo man mitmacht und wo nicht. – Wobei Du ja gerade so eine bewusste Entscheidung getroffen hast. Das ist dann ja schon der zweite Schritt zum reflektierteren Umgang.

    @MaraFiMo und @Silke
    Was ich an eurer Kritik an Twitter und Co nicht verstehe ist, warum ihr eure Nutzung nicht entsprechend einschränkt. Es klingt fast so, als *müsste* man das alles nutzen, als *müsste* man ständig am Rechner sitzen und *dürfte* nicht abschalten. Als *müsste* man alle Tweets lesen, die während des Urlaubs aufgelaufen sind. — Das ist ja nicht so.

    Es gilt m.E. einen Umgang damit zu finden, der einem selbst entspricht und mit dem man zufrieden ist. Wenn das bedeutet, einen Service wieder fallen zu lassen, dann ist das eben so.

    Dazu passt ein Artikel aus der NYT: Don’t keep up with social technology.

    @rip und @hokey
    Ich finde nicht, dass man bei Twitter die „blip-twitterer“ „mitkauft“. Ich muss ja nur denen zuhören, die etwas für mich Relevantes zu sagen haben. Wenn jemand zu 80% blip Songs twittert, kann ich den ja mit einen Klick entfollowen.

    @hokey

    denn zur Medienkompetenz gehört auch, dass ich lerne, wo meine persönliche Grenze liegt, wann Schluss sein muss und wann Medienkonsum mir schadet, anstatt zu nützen.

    Das sehe ich genauso – jeder kann ja für sich entscheiden, welche Eingangskanäle er nutzen möchte und wie viel Input täglich reinkommen soll. Es gibt ja auch Leute, die täglich drei Tageszeitungen lesen und andere, die lieber ein Mal pro Woche den Spiegel kaufen.

    Es ging bei der Nennung von Twitter hier immer wieder darum, dass dort nur irgendwelche „coolen Tools“ verbreitet würden. Das ist tw. der Fall. Aber solche Tweets erkennt man, ohne den Link anzuklicken und kann sie ignorieren, wenn man keine weiteren Tools mehr braucht. Was ich über Twitter in den letzten Wochen verstärkt finde, sind tiefgreifende Artikel über grundlegende pädagogische Fragen (meist von bloggenden Lehrern oder Coaches aus den USA). Darüber findet bei mir gerade ein informelles Lernen statt, das ich so vorher nicht hatte. Ich finde, das bereichert meine Arbeit – aber natürlich muss ich höllisch darauf achten, dass ich das zeitmäßig nicht ausufern lasse (Instapaper hilft hier enorm).

    Und schließlich: ich habe den Eindruck, dass die Fähigkeit zu filtern, immer wichtiger wird (nicht nur im Netz, auch in der Buchhandlung, am Kiosk etc.). Gestern war ich mal wieder in einer großen Buchhandlung und habe z.B. zum Thema „Netzkompetenz“ drei neue Bücher gesehen. Alle hätten mich interessiert, gekauft habe ich natürlich keines (ich habe ohnehin schon zu viele ungelesene Bücher zu Hause). Das Rauschen gibt es keineswegs nur auf Twitter. Das gibt es inzwischen überall. Und es im Kopf abzuschalten, ein super interessantes Buch liegen zu lassen und nicht weiter darüber zu grübeln, ob man es hätte kaufen sollen, ist eine wichtige Fähigkeit. – Ich sehe Twitter als aktives Trainingsfeld dafür. Ich zwinge mich dazu, nur Links zu klicken, von deren Relevanz ich ausgehen kann und die anderen ohne Reue zu ignorieren.

    So – nun habe ich mich hier ganz schön ausgelassen. Ich hoffe, meine Punkte machen ein wenig Sinn. Bin gespannt auf Kritik.

  12. Danke für deinen langen Kommentar, Andreas. 🙂

    Ich stimme dir da in allen Punkten zu. Auch, was die Blip-Twitterer angeht, die mir egal sind, aber Werbeaktions-Twitterer habe ich konsequent entfollowed.

    Um einem Missverständnis vorzubeugen: Ich halte Twitter nicht für sinnlos. Wie oben schon angedeutet, habe ich Twitter unlängst noch verteidigt, eben weil Twitter ein außergewöhnlicher Kommunikationskanal ist (wenn man mit Leuten kommuniziert, die nicht nur blippen 😉 ). Aber es geht eben auch viel Zeit dafür drauf – denn entweder bleibt man dran oder man liest soundsoviele Tweets nach. Twitter war eben bis vor kurzem noch das Medium, das mir am meisten Zeit abgezogen hat.

    Das hier ist auch kein Angriff auf Web2.0-Werkzeuge. Ich habe nur einfach meine Situation, meine Wahrnehmung, mein Empfinden beschrieben. Absolut persönlich und ohne Anspruch auf Wahrheit oder Objektivität. Für mich des Guten zu viel, für andere vielleicht genau das Richtige.

    Und natürlich werde ich weder im Unterricht noch im Privaten auf das Web2.0 verzichten, aber ich werde mich auf die Werkzeuge beschränken, die mir effektiv und effizient weiterhelfen. Um das zu erreichen, kann ich mich eben nicht der ganzen Fülle hingeben, sondern muss eine Auswahl treffen – denn ich kann auch meine Schüler nicht mit einem wilden Web2.0-Hü-und-Hott verwirren.

  13. oje, hier ist jemand ganz individuell gerade in das tiefe Tal des hypecycles herabgestiegen, hoffe ich, und nicht gefallen. Natürlich, in den jetzigen Zeiten kann man gar nicht „alles richtig“ machen, (man konnte es noch nie und wird es nie können, aber im Moment merkt man es leider so besonders deutlich). Man muss experimentieren. Und das heißt immer: auch Dinge wieder loslassen, die man gerade so intensiv bespielt hatte. Du hast ja so Recht! Es wird immer schwieriger, Entscheidungen zu treffen, womit man sich beschäftigt, und wie und mit welchen Mitteln und Werkzeugen. Das ist der Kulturschock, den wir Buchgesellschaftler bzw. digital immigrants kriegen, wenn wir sehen, was alles möglich wäre, wenn wir nur könnten, wie wir wollten und auf jeden Fall den Tag auf 36 Stunden expandieren. Ich weiß im Moment immer nicht: Soll ich jetzt Twitter angucken oder meine RSS-Feeds? Und dann mache ich beides nicht, sondern haue mich aufs Sofa und lese meinen englischen Totholzmedium-Krimi und zeige meinem schlechten Gewissen, das mir sagt, ich wäre nicht gut informiert heute, den Vogel.
    Bestimmt kriegst Du das alles mit Deinen Schülern zusammen wieder hin, wenn ihr zusammen genügend guten Unterricht macht. Viel Spaß und Erfolg!

  14. @Lisa und Jochen

    Nun – drangeben will ich Web2.0 im Allgemeinen und Twitter im Besonderen nicht, aber eben nur deutlich gemäßigt verwenden und dem Ganzen nicht mehr Platz einräumen als nötig ist.

    Ich werde dem ganzen evolutionär begegnen – da, wo es nötig ist, werde ich dieses oder jenes einflechten, aber nur dann, wenn ich (oder die Schüler) es wirklich vermissen sollten.

  15. Filtern ist in der Tat die entscheidende Fähigkeit, Twitter und der Digistraction zu entkommen. Ich habe in Tweetdeck neben dem „All Friends“-Stream zwei Gruppen eingerichtet: „English buddies“ und „German buddies“, in denen die landen, deren Beiträge mir wichtig sind, da sie häufig Brauchbares liefern. Selbst diesen beiden Ausschnitten kann und will ich nicht durchgehend folgen, die Strömung ist hier aber eben deutlich langsamer. – Und hinsichlich Aufenthaltszeit im GoogleReader setzte ich mir Zeitlimits und befleißige mich der Macht des „Mark all as read“-Buttons… – Schließlich (etwas unpopulär, sorry, aber I can’t help it): die Beschwerden über unnütze/nichtssagende Tweets fallen m.E. auf die sich Beschwerenden zurück, da sie selbst es sind, die ihren Stream zusammenbasteln und damit für dessen Qualität verantwortlich sind…-)

  16. @Matthias Heil
    eschwerden über unnütze/nichtssagende Tweets fallen m.E. auf die sich Beschwerenden zurück, da sie selbst es sind, die ihren Stream zusammenbasteln und damit für dessen Qualität verantwortlich sind

    So einfach ist es eben nicht, finde ich! Das ist ja das Blöde bei Twitter. Ich kenne genug Tweeter, die tolle Links und Anregungen twittern, um dann im nächsten Augenblick etwas a’la „Stehe gerade am Marktplatz“ zu schreiben.

    Und oft ist es ja auch die Fülle an mutmaßlich brauchbaren Informationen, die überfordert. Und wie soll ich einen bitly-Link filtern? Ich weiß ja nicht einmal, was mich dahinter konkret erwartet. Filtern kann ich dann erst, wenn ich einen Blick darauf geworfen und dadurch dann schon Zeit verplempert habe.

    Ein weiteres Übel ist, behaupte ich einfach mal blank von der Leber weg: Die meisten Artikel haben die Tweeter selbst nicht wirklich gelesen, bestenfalls kurz quergelesen, und dann wird mal schnell getweetet. Aber ich als Rezipient werde dann damit konfrontiert und muss entscheiden, ob ich das dann lese oder lasse, was mir Energie und Zeit abzieht.

    Den „mark-all-read“-Button verwende ich übrigens auch des Öfteren – eine erleichternde Einrichtung. 😉

  17. Hm. Ich kenne das auch und löse das für so, dass ich mich nicht in eine Anwendung x, sondern in das zugehörige Konzept vertiefe. Dieser analytische Zugang ist allerdings nur etwas für Kopfmenschen. Einmal ein Beispiel weg von Twitter: Moodle.
    Das Konzept lautet: „Viel Funktionalität unter einem Dach“, aber zunehmend mehr „Integration und Öffnung nach außen“. Nur ein Konzept hat für mich eine Zukunft und das ist das letztere.
    Folge: Ich suche die Applikationen für meinen Unterricht nicht nach den konkreten Features aus (die toll sein können, aber oft eben nur klickibunti), sondern nach der Fähigkeit zur langfristigen Interoperabilität. Über Moodle bin ich zum Metakonzept LDAP gekommen – das ist sogar kompatibel zum AD von Microsoft. Mit diesem Metakonzept verwirkliche ich jetzt E-Mailaccounts, WordPressaccounts, .htaccess-Zugänge für die Homepage und ich kann in Zukunft für meine Schule alles verwirklichen, was LDAP spricht – und das wird immer mehr, weil das Konzept der zentralen Benutzerverwaltung eben zukunftsfähig ist und Sinn macht. Interoperabiltät ist das Konzept, was langfristig Zeit spart, Featuritis das, was kurzfristig Spaß macht – letzteres brauche ich nicht.
    Leider stehen nach meiner Erfahrung viele „Multimedialisten“ in meinen Augen auf schnellen Sex – so die Metapher gestattet sei. Die Behauptung, dass der grundsätzlich gut, mag jeder aufgrund seiner eigenen Erfahrungen beurteilen. Fest steht nur, dass er oft „modern“ ist. Für Twitter gilt für mich das Konzept: Qualität vor Quantität. Mir reichen meine ca. 30 Follower, weil ich weiß, dass diese gute Idee meinerseits wiederum weiter an ihre Follower diffundieren. Wer häufig Dinge twittert, aus denen ich keinen Nutzen ziehe, fliegt aus den 30, denen ich folge, wieder heraus. Wenn sie doch was Brauchbares twittern, höre ich das wieder über die Personen, denen ich Folge indirekt über Retweets. Weniger ist mehr… Ich bin über meine Homepage (die mit Feedreadern interoperiert) und über Twitter im Netz präsent. Das reicht mir (twitter und HP müsste ich noch verbinden…)

  18. Danke für den Hinweis mccab99! LDAP ist mir als Begriff bekannt, aber was dahinter steckt bislang noch nicht. Wenn ich das aus deinem Beitrag richtig herauslese, erleichtert LDAP dir auch den alltäglichen Umgang mit diversen Web-Applikationen?

    Meinen Twitter-Feed habe ich übrigens gestern ordentlich ausgemistet und witzigerweise bin ich seitdem genau auf 30 Twitterer gekommen, denen ich weiterhin folgen werde. Ähnlich bin ich mit meinem Feed-Reader verfahren, wo vieles rausgeflogen ist… Abspecken soll ja bisweilen gesund sein.

  19. „Wenn ich das aus deinem Beitrag richtig herauslese, erleichtert LDAP dir auch den alltäglichen Umgang mit diversen Web-Applikationen?“

    Primär aus Administratorensicht, sekundär aus Anwendersicht. LDAP ist ein Serverdienst und wird oft mit einem Adressbuch verglichen. LDAP ermöglicht die Trennung von Benutzerdaten und Anwendungsdaten – z.B. kannst du Moodle, Drupal, WordPress usw. an LDAP anbinden und so alle Dienste mit dem gleichen Passwort und Benutzernamen nutzen.

    Das Konzept an Twitter könnte sein: Schnelle Hilfe für kleine Wehwehchen. Es sollte nicht sein, dass über Joghurtmarken o.ä. getwittert wird – das bekommt dann schnell was von Big Brother und an diesen alltäglichen Kleinigkeiten kann ein aufmerksamer Beobachter viel schneller ein Bild von der Persönlichkeit eines Menschen gewinnen als durch fachlichen Austausch. Das halte ich für gefährlich.

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