Ein Einakter: Das Ldl-Drama

Erster Akt und Katastrophe
Ich muss zugeben, dem ganzen – ich nenne es mal “Hype” – um Ldl, Twitter und Web2.0 zunehmend ablehnend gegenüberzustehen. Das hat verschiedene Gründe, die alle mal mehr und mal weniger plausibel meine Ablehnung erklären. Zum einen mag es eines meiner (unter Umständen nicht immer nützlichen) Persönlichkeitsmerkmale sein, mich gegen Dinge zu sträuben, die “alle” machen, die “hip” sind und die, von irgendwoher angeflogen, plötzlich ganz doll im Rennen sind. Das war so, als wir uns in meiner Band “entschlossen”, beim letzten Auftritt Krawatten zu tragen. Als Gag gedacht, fand ich diese Vorstellung uniform herumzulaufen, furchtbar. Überhaupt sind Krawatten für mich die Geißel der Uniformität: Eng um den Hals geschnürt und auf das Gemächt weisend, kann man ebendort gepackt und stranguliert werden;die Krawatte ist Merkmal der BlueWhite-Collar-Uniform und bürgerliches Accessoire zur Verdeckung der von körperlicher Arbeit entwöhnten Hühnerbrust. (Mir graust es vor dem ersten Abi-Ball, wo ich mich jeder Menge Fragen zu meiner nichtvorhandenen Krawatte aussetzen lassen muss. Ich überlege, ob ich nicht eine in der Hosentasche mittragen soll, um zu beweisen, dass ich durchaus in der Lage bin Windor-,Manhattan- und Standardknoten zu binden. Immerhin musste ich beim Bund meinen halben Zug binden…)

Ich schweife ab. Diese ganze Gezwitschere, Geblogge und Gehype um Ldl hat mich also gründlich abgeschreckt. Zweiter Aspekt dabei: Euphorie. Eine gute Stimmungslage, um Hokey abzuschrecken. Überall Videos, die von tollen Unterrichtstunden berichteten, fleißigen, fantastischen, selbstlernenden Schülern, Lernerfolgen, angstfreiem Unterricht, schlicht: dem pädagogischen Paradies. Sowas kann ich nicht glauben. Schlichtweg gar nicht. Wären meine Fachseminarleiter so aufgetreten, hätte ich mir vor jedem Unterrichtsbesuch eine Kiefersperre gebissen. Denn der so präsentierte (bzw. bei mir (! – das möchte ich doppelt betonen)  so entstandene) Eindruck von Ldl wies ein so hohes Maß an Perfektion auf, dass ich das ganze für pädagogische Spinnerei abgetan habe. Oder auch als Forum zur Selbstdarstellung Einzelner betrachtet habe, die sich u.U. pädagogische Meriten erarbeiten wollen. Denn auch dazu ist Vernetzung nützlich und diesen Verdacht auf Eigennutz, wiederum ein Teil meiner griesgrämigen Persönlichkeit, hege ich zunächst einmal grundsätzlich, wenn irgendjemand etwas bewirbt.

Wie auch immer: Die Diskussion um Ldl, Twitter und das Gedöns drumherum verursachte bei mir doch einige Bauchschmerzen. War es nicht nur meine dämliche Verbohrtheit, mich gegen eine nützliche und sinnvolle Entwicklung zu wehren, die doch eigentlich meinen pädagogischen Prinzipien entgegenkommt? Oder hatten auch in letzter Zeit oft gelobte Äußerungen wie folgende ihr Scherflein dazu beigetragen?

Wir scheren uns nicht um irgendwelche Probleme die kommen könnten. Also diese Ja-Abers, die schalten wir aus. (via, via)

Solche Sätze sind in meinen Augen eine Vollkatastrophe. “Ja-abers” sind wichtiger Bestandteil einer lebendigen Diskussionskultur und auch Zeichen von Selbstreflexivität. Ungenehme Kritik einfach wegzuwischen und zu ignorieren ist in meinen Augen fatal und unwissenschaftlich. Und so ergab sich für mich das schlüssige Bild einer sich selbst beweihräuchernden Community, die Kritik lieber ausblendet und sich lieber in dem Gefühl bestärkt, die tolle Speerspitze von etwas Neuem zu sein. So habe ich mich lieber zurückgezogen, statt mitzuwirken.

Katharsis?
Bis ich heute den Bericht Christian Spannagels zu seinen Ldl-Versuchen in seinen Vorlesungen gelesen habe. Trotz des mich abschreckenden Titels (jetzt kommt er schon wieder mit diesem biologistischen Neuronen-Gefasel…) wollte ich wissen, was macht der da in seinen Vorlesungen. Denn wenn wir über neue Methoden reden, geht es letztlich genau darum: Was machen wir und was erreichen wir als Lehrkräfte dadurch, dass wir etwas Bestimmtes tun (oder tun lassen).

Und während ich Christians Bericht lese, stelle ich fest, dass Christian all die Dinge tut, die ich von Zeit zu Zeit, aber durchaus nicht immer, auch in meinem Unterricht mache: Er gibt stumme Impulse, lässt Studenten Ideen an die Tafel schreiben, lässt diese Diskussionen leiten, diese die Diskussionsleitung weitergeben, diese Lösungen zu Problemen selber finden. Das Schöne dabei: Besonders den Lehramtsstudenten dürfte diese Form, Diskussionsleitung zu üben, entgegenkommen, denn sie lernen das Geschäft des Diskussionsleitens selber aktiv (und wann macht man das schon im Studium?), werden aber gleichzeitig auf eine Art und Weise geschult, die ihnen zeigt, dass Unterricht auch anders ablaufen kann.

Meine Skepsis zuungunsten Ldl legt sich, dank Christian Spannagel. Endlich einmal kein Bericht aus einem Leistungskurs mit zwölf Schülern, sondern von einem Plenum mit über hundert Anwesenden. Endlich einmal eine konsistente Beschreibung von der Wurzel auf, anstatt mittenrein zu springen. Endlich kein Verdacht auf großen Didaktik-Hokuspokus und Schüler, die in Videos ihren Lehrer loben (was bleibt ihnen auch anderes übrig?), sondern ein Bericht, der zeigt, dass Ldl gar nicht allzuweit vom normalen, schülerorientierten Unterricht entfernt ist, sondern diesen nur auf andere Art und Weise, vielleicht gezielter,  pragmatischer und vor allem auf längere Sicht, statt nur in einigen Einzelstunden, umsetzt.

Danke dafür, Christian.

61 thoughts on “Ein Einakter: Das Ldl-Drama

  1. @Lisa
    Die Ebene, auf der du mir gegenüber Einwände geäußert hast, ist diese:
    “Um aber LdL als didaktisches Konzept zu promoten, ist das alles überhaupt nicht nötig. Entstanden ist “Neuronenmetapher” da, wo Jean-Pol versucht, aus dem didaktischen Konzept – angereichert mit ein paar psychologischen Modellen (wie Motivationskonzept Maslov), die er hier und da nimmt, + “Neuronenmetapher” als Erklärungsmodell eine Art Theorie zu basteln. Der fehlt es jedoch an methodologischer Kohärenz.”
    - Du stellst also meine Qualität als Wissenschaftler in Frage. Gerade weil es ein harter Vorwurf ist, bin ich bereit, mich mit dir über mein wissenschaftstheoretisches Verständnis sowie über meine Forschungsmethode (Ethnomethodologie) auszutauschen. Allerdings muss du im Gegenzug bereit sein, zumindest ein paar Aufsätze von mir zu lesen, am besten wäre allerdings in der Tat meine Habilitationsschrift, die ja alle von dir aufgeworfenen Fragen sehr ausführlich behandelt. Nur so können wir auf solider Basis wissenschaftlich kommunizieren. Ich antworte gerne auf alle Einwände und sonstige Hinweise, aber wenn du auf einen wissenschaftlichen Diskurs bestehst, so solltest du die üblichen Verfahrensweisen wissenschaftlicher Arbeit beherzigen.

  2. @Miriam In meinen Gruppen (Studenten) sind Fragen wie LRS u.ä. eigentlich nicht relevant. Hier müsstest du Grundschullehrer fragen, die LdL einsetzen (vielleicht in ldl.mixxt.de ?). Prinzipiell zu Hyper- und Hypoaktivität: Bei LdL hast du als Lehrerin auch dafür zu sorgen, dass “hyperaktive” (ich meine sich nach vorne drängende Schüler) auch mal andere vorlassen und dass “hypoaktive” auch mal Aufgaben übernehmen (wie vermutlich in jedem anderen Unterricht auch). Die Verantwortung hierfür liegt bei dir.

    @Lisa Eieiei. Interessant finde ich, dass du öfter auf unterschiedliche “Ebenen” ansprichst (und dich, so vermute ich, auf einer “höheren” Ebene diskutieren siehst). Wenn wir mal kurz das “Humboldt-Niveau” verlassen und auf eine “Metaebene” zusammen gehen (kommst du mit?): JPM schreibt “A”. Du schreibst “Seht ihr? JPM schreibt B.” Ich schreibe: “Schau noch mal. Er hat nicht B geschrieben. Er hat A geschrieben.” Du schreibst: “Warum werde ich auf das Gesagte verwiesen?” Naja, weil du eben behauptest, er hätte B gesagt. Ist aber nicht so.

    Du schreibst weiter (an JPM): “In keiner Diskussion bisher bist Du auch nur einmal auf meine Einwände eingegangen” Das finde ich jetzt aber nicht fair! (*zieht ein beleidigtes Gesicht*) Wir versuchen wirklich beide dir immer deutlich zu erklären, dass du das Konzept (zumindest zum Teil) missverstehst. Ich finde z.B., dass ich immer sehr genau und präzise auf deine Einwände eingegangen bin. Ich würde nur gerne im Umkehrschluss jetzt mal von dir erwarten, dass du auf meine Argumente mal so richtig eingehst. Lies dir (entschuldige bitte den Verweis auf das bereits Gesagte) meine letzten Kommentare an dich durch. Da stehen ziemlich viele Fragen drin. Hast du die beantwortet? Nein. Ich habe mittlerweile eine Vermutung (du darfst gerne darauf eingehen und sie widerlegen): Du willst uns überhaupt nicht verstehen. Ich insistiere wirklich schon lange darauf, dass die Neuronenmetapher nicht erklärend zu verstehen ist. Irgendwie kommt das bei dir nicht an. Und wenn die Diskussion so weit fortgeschritten ist, dass es eigentlich klar sein sollte, ziehst du dich aus der Affäre. Ich wiederhole nochmal meine Frage von oben (wirklich, nur damit ich weiß, dass es jetzt ein für alle mal geklärt ist): Hast du verstanden, dass die Neuronenmetapher nicht erklärend gemeint ist? Und siehst du auch, dass JPM oben nicht das Gegenteil davon geschrieben hat?

    Und was “Wissenschaftlichkeit” anbelangt: Ich habe eine sehr offene Vorstellung von “wissenschaftlich”. Allerdings glaube ich, dass du (Lisa) eine sehr enge Vorstellung hast (was ja auch ok ist, nur müssen wir das klären). Selbstverständlich nehmen wir deine Kritik ernst (bzw. stellen Dinge richtig, wenn du etwas falsch verstanden hast), aber Unwissenschaftlichkeit kannst du erst vorwerfen, wenn du dich mit dem wissenschaftlichen Teil von LdL befasst hast (also mit der entsprechenden relevanten Literatur), da wir hier in Weblogs und Twitter nicht auf einer Ebene arbeiten, die du unter “wissenschaftlich” verbuchen würdest. Wenn ich das tun würde, dann würde ich jeden dritten Satz mit mindestens zwei Literaturstellen belegen. Das mache ich in meinen “wissenschaftlichen” Aufsätzen, aber nicht hier. Weils hier nicht hingehört.

  3. huch! Jetzt kommts aber mächtig ad personam! Nee, mit der “den Einwänden entsprechenden Ebene” habe ich nichts “höheres” gemeint. Ich arbeite nicht mit solchen Kategorien und nicht mit normativen Bewertungen. Warum ich insistiert habe, obwohl du, Christian gesagt hast, du meinst die “Neuronenmetapher” nicht erklärend: Naja, Absichten und das, was wird, oder welche Effekte entstehen, können ja was Verschiedenes sein. Irgendwann hast Du dann ja auch geschrieben: Moment ich kopiere das Zitat, damit’s nicht wieder daneben geht: Ne, find ich jetzt nicht, also in die Richtung war’s – wenn ich nicht wieder mit dem Empfängerohr falsch interpretiert habe – dass Du dich fragst, wieso die Metapher offenbar öfter als Erklärungsmodell missverstanden wird, und darum bittest, es mögen Tipps kommen, wie das zu vereiden ist. Naja, da habe ich ja die ganze Zeit drüber gesprochen. Die Ansage “Wir meinen das nicht so, nun begreif doch endlich”, kollidierte für mich – und tuts halt noch immer – mit der Realitätserfahrung. Ich glaub nicht, dass eine Metapher einen so prominenten Platz in einem System haben kann, ohne dass sie auch als “Erklärungsmodell” wirkt – von mir aus gleichsam hinter dem Rücken ihrer Erfinder.
    Na, wie schon längst gesagt, es gibt ne Menge Missverständnisse. Aber doch nicht nur auf der einen Seite – oder glaubst du das wirklich? ;-) Ich denke auch nicht, dass es “objektive” Nachrichten/Informationen in Kommunikationen gibt. Ich mag jedenfalls so nicht mehr diskutieren. Euch gefällt’s doch auch nicht, wie man merkt. Also lassen wir es – wenigstens fürs erste – gut sein damit und fangen jetzt nicht auf einer Personen-Ebene an.

  4. Pingback: Und plötzlich emergiert @Cervus! Wow! « Jeanpol’s Weblog

  5. Vielleicht ist es hilfreicher, von dem Neuronenbild als Neuronen-Vergleich oder Neuronengleichnis zu sprechen, statt als Metapher.
    Die Metapher impliziert eine Beziehung der Ähnlichkeit (Schulklasse = Gehirn kann daher den Vorwurf des Biologismus auf sich ziehen).
    Das Gleichnis dagegen veranschaulicht mittels eines Vergleichs und behauptet damit keine Beziehung oder inhärente Ähnlichkeit zwischen den verglichenen Gegenständen.
    Das Neuronengleichnis wäre dann ein Erklärbeispiel, eine Illustration, das würde auch die Sache mit der Handlungsinduktion herausstreichen, auch die Idee, das Neuronenbild könnte eine Methodik sein, ist dann hinfällig.

  6. LdL – finde ich gut, mache ich auch schon seit 10 Jahren, jedoch nicht als einzige Unterrichtsform, sondern als eine unter anderen. Mir geht es also ähnlich wie Miriam weiter oben.

    Was ich von Jean-Pol Martins Theorie begreife (zugegebenerweise ist meine Ausdauer da etwas beschränkt, gelobe aber Besserung bei sich überraschend zeigender zusätzlicher Studienzeit), scheint mir vor allem auf die Aktivität, die Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler einerseits und das Selbstverständnis der Lehrperson als Coach, als Lernbegleiter, aber nicht (mehr) als omnipotente und -präsente Wissensschnittstelle Nr. 1 Wert zu legen.

    Diese “Verortung” soll LdL nicht schmälern, sondern ganz im Gegenteil dessen Vermittelbarkeit, Verknüpfbarkeit mit anderen aktuellen unterrichtsmethodischen Ansätzen (z.B. kooperative Lernformen, Präsentation…) unterstreichen. – In dem Studienseminar (Fulda), in dem ich u.a. als Ausbildungsbeauftragter tätig sein darf, gehören diese Verknüpfungspunkte zum Kern der Ausbildung (und dies schon lange Zeit), wenn auch nicht unter dem Etikett “LdL”… wichtiger als Übereinstimmung in der Sprachgebung ist m.E. die hinsichtlich vergleichbarer Ziele.

    Mit Metaphern ist das so eine Sache. Als ich das erste Mal davon las, fand ich sie belustigend und auch etwas befremdlich, da ich einerseits an die kleinen bösen Technikviecher in Matrix3 denken musste und instinktiv eine Vernachlässigung des Individuums befürchtete. Beide Assoziationen habe ich bei der weiteren Lektüre nicht bestätigen können, vielleicht geht es Jean-Pol da vor allem um den Wert und das Funktionieren eines sich intellektuell zusammenfindenden Netzwerks individueller Gedankenblitze, die sich gegenseitig entwickeln und verbinden. So verstanden, ist der Begriff für mich sinnvoll und auch der Metapher-Zusatz stimmig. Aber ich bin nicht so ein helles Theorielicht, wahrscheinlich habe ich LdL in diesem Zusammenhang nur fragmentarisch-pragmatisch-unvollkommen durchdrungen?

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