Ein Einakter: Das Ldl-Drama

Erster Akt und Katastrophe
Ich muss zugeben, dem ganzen – ich nenne es mal „Hype“ – um Ldl, Twitter und Web2.0 zunehmend ablehnend gegenüberzustehen. Das hat verschiedene Gründe, die alle mal mehr und mal weniger plausibel meine Ablehnung erklären. Zum einen mag es eines meiner (unter Umständen nicht immer nützlichen) Persönlichkeitsmerkmale sein, mich gegen Dinge zu sträuben, die „alle“ machen, die „hip“ sind und die, von irgendwoher angeflogen, plötzlich ganz doll im Rennen sind. Das war so, als wir uns in meiner Band „entschlossen“, beim letzten Auftritt Krawatten zu tragen. Als Gag gedacht, fand ich diese Vorstellung uniform herumzulaufen, furchtbar. Überhaupt sind Krawatten für mich die Geißel der Uniformität: Eng um den Hals geschnürt und auf das Gemächt weisend, kann man ebendort gepackt und stranguliert werden;die Krawatte ist Merkmal der BlueWhite-Collar-Uniform und bürgerliches Accessoire zur Verdeckung der von körperlicher Arbeit entwöhnten Hühnerbrust. (Mir graust es vor dem ersten Abi-Ball, wo ich mich jeder Menge Fragen zu meiner nichtvorhandenen Krawatte aussetzen lassen muss. Ich überlege, ob ich nicht eine in der Hosentasche mittragen soll, um zu beweisen, dass ich durchaus in der Lage bin Windor-,Manhattan- und Standardknoten zu binden. Immerhin musste ich beim Bund meinen halben Zug binden…)

Ich schweife ab. Diese ganze Gezwitschere, Geblogge und Gehype um Ldl hat mich also gründlich abgeschreckt. Zweiter Aspekt dabei: Euphorie. Eine gute Stimmungslage, um Hokey abzuschrecken. Überall Videos, die von tollen Unterrichtstunden berichteten, fleißigen, fantastischen, selbstlernenden Schülern, Lernerfolgen, angstfreiem Unterricht, schlicht: dem pädagogischen Paradies. Sowas kann ich nicht glauben. Schlichtweg gar nicht. Wären meine Fachseminarleiter so aufgetreten, hätte ich mir vor jedem Unterrichtsbesuch eine Kiefersperre gebissen. Denn der so präsentierte (bzw. bei mir (! – das möchte ich doppelt betonen)  so entstandene) Eindruck von Ldl wies ein so hohes Maß an Perfektion auf, dass ich das ganze für pädagogische Spinnerei abgetan habe. Oder auch als Forum zur Selbstdarstellung Einzelner betrachtet habe, die sich u.U. pädagogische Meriten erarbeiten wollen. Denn auch dazu ist Vernetzung nützlich und diesen Verdacht auf Eigennutz, wiederum ein Teil meiner griesgrämigen Persönlichkeit, hege ich zunächst einmal grundsätzlich, wenn irgendjemand etwas bewirbt.

Wie auch immer: Die Diskussion um Ldl, Twitter und das Gedöns drumherum verursachte bei mir doch einige Bauchschmerzen. War es nicht nur meine dämliche Verbohrtheit, mich gegen eine nützliche und sinnvolle Entwicklung zu wehren, die doch eigentlich meinen pädagogischen Prinzipien entgegenkommt? Oder hatten auch in letzter Zeit oft gelobte Äußerungen wie folgende ihr Scherflein dazu beigetragen?

Wir scheren uns nicht um irgendwelche Probleme die kommen könnten. Also diese Ja-Abers, die schalten wir aus. (via, via)

Solche Sätze sind in meinen Augen eine Vollkatastrophe. „Ja-abers“ sind wichtiger Bestandteil einer lebendigen Diskussionskultur und auch Zeichen von Selbstreflexivität. Ungenehme Kritik einfach wegzuwischen und zu ignorieren ist in meinen Augen fatal und unwissenschaftlich. Und so ergab sich für mich das schlüssige Bild einer sich selbst beweihräuchernden Community, die Kritik lieber ausblendet und sich lieber in dem Gefühl bestärkt, die tolle Speerspitze von etwas Neuem zu sein. So habe ich mich lieber zurückgezogen, statt mitzuwirken.

Katharsis?
Bis ich heute den Bericht Christian Spannagels zu seinen Ldl-Versuchen in seinen Vorlesungen gelesen habe. Trotz des mich abschreckenden Titels (jetzt kommt er schon wieder mit diesem biologistischen Neuronen-Gefasel…) wollte ich wissen, was macht der da in seinen Vorlesungen. Denn wenn wir über neue Methoden reden, geht es letztlich genau darum: Was machen wir und was erreichen wir als Lehrkräfte dadurch, dass wir etwas Bestimmtes tun (oder tun lassen).

Und während ich Christians Bericht lese, stelle ich fest, dass Christian all die Dinge tut, die ich von Zeit zu Zeit, aber durchaus nicht immer, auch in meinem Unterricht mache: Er gibt stumme Impulse, lässt Studenten Ideen an die Tafel schreiben, lässt diese Diskussionen leiten, diese die Diskussionsleitung weitergeben, diese Lösungen zu Problemen selber finden. Das Schöne dabei: Besonders den Lehramtsstudenten dürfte diese Form, Diskussionsleitung zu üben, entgegenkommen, denn sie lernen das Geschäft des Diskussionsleitens selber aktiv (und wann macht man das schon im Studium?), werden aber gleichzeitig auf eine Art und Weise geschult, die ihnen zeigt, dass Unterricht auch anders ablaufen kann.

Meine Skepsis zuungunsten Ldl legt sich, dank Christian Spannagel. Endlich einmal kein Bericht aus einem Leistungskurs mit zwölf Schülern, sondern von einem Plenum mit über hundert Anwesenden. Endlich einmal eine konsistente Beschreibung von der Wurzel auf, anstatt mittenrein zu springen. Endlich kein Verdacht auf großen Didaktik-Hokuspokus und Schüler, die in Videos ihren Lehrer loben (was bleibt ihnen auch anderes übrig?), sondern ein Bericht, der zeigt, dass Ldl gar nicht allzuweit vom normalen, schülerorientierten Unterricht entfernt ist, sondern diesen nur auf andere Art und Weise, vielleicht gezielter,  pragmatischer und vor allem auf längere Sicht, statt nur in einigen Einzelstunden, umsetzt.

Danke dafür, Christian.

61 Gedanken zu „Ein Einakter: Das Ldl-Drama

  1. Jawoll! Es ist immer schön zu beobachten, wie ein junger Kollege sich den Realitätsinn zurück erobert. Anders kann man das Berufsleben doch nicht überstehen.

    Ach ja, ich liebe ja Krawatten. Ich mag die wirklich und kann einen sehr schönen doppelten Windsor binden. Aber „blue collar workers“ sind die, die sich die Hände schmutzig machen. Die Krawatten tragen die „white collar workers“, die „suits“, die Angestellten.

    Nur mal so nebenbei bemerkt, als Anglist.

    Nele

  2. Danke für diese andere Perspektive.

    Solche Sätze sind in meinen Augen eine Vollkatastrophe. “Ja-abers” sind wichtiger Bestandteil einer lebendigen Diskussionskultur und auch Zeichen von Selbstreflexivität. Ungenehme Kritik einfach wegzuwischen und zu ignorieren ist in meinen Augen fatal und unwissenschaftlich.

    Ich stimme Dir zu, dass ein gesundes „Aber“ wichtig ist.

    Ich persönlich habe den Satz von Christian Spannagel anders eingeordnet. Nicht als naives Wegwischen oder Ignorieren von Einwänden, sondern als Reaktion darauf, dass viele Innovationen in der Bildung als Rohrkrepierer enden, weil VOR den ersten Erfahrungen damit unzählige (nicht immer rationale) Abers vorgebracht werden. Diese „Ja-Abers“ sind oft lediglich Vorwand dafür, sich nicht von den Vertrauten Mustern trennen zu wollen. In diesem Kontext kann das „Ausschalten von Ja-Abers“ durchaus sinnvoll sein.

    In meinem Beitrag, den Du oben als Quelle für das Zitat angibst, habe ich außerdem auf den Post Test in the Wild verwiesen, der aus meiner Sicht noch etwas mehr Kontext für das „Kein Ja-Aber“ gibt. Mir geht es hauptsächlich darum, dass man vieles erst wirklich beurteilen kann, wenn man first-hand Erfahrungen damit macht. Aber ich habe in diesen Post auch folgenden Satz geschrieben:

    Wenn ich eine neue Idee habe, überlege ich natürlich erst einmal, ob sie im konkreten Fall Sinn macht.

    Selbstverständlich geht das kritische Denken voraus. Anschließend darf es m.E. aber auch mal ein spontaner Sprung ins kalte Wasser sein, um herauszufinden, wie sich das Schwimmen so anlässt.

  3. P.S. Habe ich ganz vergessen.

    Vielen Dank für den Link auf den Text, den ich mit großem Interesse und Bereicherung gelesen habe. Über Methoden kann man sich meiner Meinung nach immer nur über KONKRETE Beispiele weiterbilden.

    Nele

  4. Toller Beitrag! Danke für Deinen persönlichen Bericht. Mir geht es exakt genauso. Das, was an LdL gut ist, das was an Spannagels Tätigkeit modellfähig und good practice ist, geht in meinen Augen unter, wenn es so aggressiv beworben wird, als ginge es um die Rettung der Welt. Gerade, wenn etwas mit dieser Strategie verbreitet werden soll, ruft es bei nachdenklichen Leuten Abwehr hervor. Ich KANN niemanden vom Sinn einer Sache überreden. Denkende Menschen, die keine Lust auf Sekten, Gurus, Selbstdarstellung und all den narzistischen Mist haben, werden sich gerade abwenden wegen dieser Vermittlungsform. Aber gerade diese abwägenden selbst denkenden Menschen werden ja nun gerade gebraucht für die Erprobung und Verbesserung solcher Konzepte. Bitte bitte, liebe LdL-Freunde, macht euer produktives Konzept für die Verbesserung des Unterrichts nicht zum Heiland oder zum Ei des Kolumbus! Nehmt solchen Kram wie „Weltverbesserungsprojekte“ und „Neuronenmetapher“ wieder raus. Sie diskreditieren das ganze gute – und längst bewährte – Modellkonzept LdL. Und ihr werdet sehen, dass es noch andere guten Modelle und Konzepte gibt. Macht es nicht zum einzig Wahren. Es gibt auch ein gutes Lernleben jenseits von LdL.
    Und jetzt: Dein Blogposting, Hokey, zu diesem Thema halte ich für eine viel bessere „Werbung“ für das Konzept LdL als alles, was ich bisher darüber gelesen habe. (Wenn man mal über die Schlips-Elipse hinaus ist 😉 )

  5. @Lisa Rosa

    Verständnisfrage: Inwiefern gehören die Begriffe „Neuronenmetapher“ und „Weltverbesserungsprojekte“ für Dich in einen Topf?

    Das erste ist für mich ein deskriptives Bild, mit dem ich sofort was anfangen konnte (liegt aber vielleicht auch daran, dass ich Biologe bin), das zweite sehe ich ähnlich wie Du als zu weitgreifend und hochtrabend.

  6. Hallo zusammen,

    ich wollte eigentlich schon die ganze Zeit kommentieren, bin aber nicht dazu gekommen. Also jetzt. 🙂

    Erst Mal: Ich freue mich sehr über deinen Beitrag und habe ihn mit großem Interesse gelesen. Und ich freue mich sehr, dass dich mein Bericht umgestimmt hat.

    Zunächst Mal: Ich kann keine Krawatten binden (ja, ich geb’s zu).

    Zu den „Ja-abers“: Ich sehe es exakt genauso wie Andreas. Mit den „Ja-abers“ meine ich nicht die Kritik – die will ich natürlich nicht wegwischen. Im Gegenteil: Kritik ist wichtig, um das Konzept weiter zu verbessern. Was mich stört, sind diejenigen „Ja-abers“, die von Bedenkenträgern ins Feld geführt werden, weil sie „träge“ sind. In diesem Sinne wende ich mich mit „Einfach mal machen“ gegen die „Ja abers“, weil diese lähmen und unproduktiv sind.

    Hallo Lisa! 🙂 Zu der Neuronenmetapher: Die ist natürlich extrem wichtig, weil sie handlungsinduzierend ist. D.h. sie veranschaulicht sehr schön, wie man sich verhalten muss. Das steckt alles in diesem Bild. Und deswegen möchte ich auf keinen Fall darauf verzichten. Im Gegenteil: Ich erzähle den Studenten von Anfang an, dass es um Neuronenverhalten geht.

    Zur Weltverbesserung: Das wird immer viel zu ernst verstanden. Jean-Pol und ich verwenden den Begriff hauptsächlich aus Motivationsgründen und dabei mit einem Augenzwinkern. Daran ist überhaupt nichts hochtrabend. Wenn ich ner Oma über die Straße helfe und sie sich freut, dann habe ich ein Stückchen die Welt verbessert. Wenn ich ne neue Methode in meiner Lehrveranstaltung einsetze und das gut klappt, dann habe ich ein Stückchen die Welt verbessert. Wenn Studenten ein Projekt mit einer Schulklasse zusammen machen, bei der alle Spaß haben, dann haben sie ein Stückchen die Welt verbessert. Wenn ich genau das Studenten sagen und wir gemeinsam „Weltverbesserungsprojekte“ durchführen, dann motiviert das ungemein – und es ist ein sehr humaner Motivator, der jedem gefällt und sofort einleuchtet. Also: Da ist gar nix Schlimmes bei. 🙂

  7. Pingback: Über Neuronen und Twitter in der Lehre « chrisp’s virtual comments

  8. Bitte bitte, liebe LdL-Freunde, macht euer produktives Konzept für die Verbesserung des Unterrichts nicht zum Heiland oder zum Ei des Kolumbus! Nehmt solchen Kram wie “Weltverbesserungsprojekte” und “Neuronenmetapher” wieder raus. Sie diskreditieren das ganze gute – und längst bewährte – Modellkonzept LdL. Und ihr werdet sehen, dass es noch andere guten Modelle und Konzepte gibt. Macht es nicht zum einzig Wahren. Es gibt auch ein gutes Lernleben jenseits von LdL.

    lisa rosa, die sache mit dem heiland und dem ei des kolumbus erscheint mir doch etwas zu polemisch. und weit engstirniger, als ich dich bei deinem vortrag auf der republica her kenne. ich nehm spielerisch mal eiinen anderen standpunkt ein:

    da kommt das komplizierteste und komplexeste stück materie im bisher bekannten universum, nämlich das gehirn eines (jungen) menschen – in die schule. in eine durchschnittliche deutsche schule.

    von diesem blickwinkel her kann ich mir kaum einen grösseren absturz, kein grösseres mißverständniss und kaum ein grösseres disaster vorstellen. spontane these: wenn die evolution zur schule gegangen wäre, würden wir heute noch in der ursuppe schwimmen.

    also: mehr mut – und mehr demut. von toleranz ganz zu scweigen.

    danke.

  9. Pingback: Dieser ganze Neuronen-Quatsch! « Jeanpol’s Weblog

  10. Ich arbeite mich mal von unten nach oben durch…

    @Jean-Pol
    Ich habe deine Tagebucheinträge, einem Link in Christians Blog folgend, zu deiner siebten Klasse gestern mit großem Interesse gelesen. Wenn du genau „hinliest“, wirst du feststellen, dass es mir hier durchaus nicht um „Neuronen-Quatsch“ geht, sondern alleine um meine Beobachtung der (bislang sehr einseitigen) Diskussion um Ldl, die auf eine Art und Weise geführt wird, die mir persönlich nicht behagt und mich bisher eher davon abgeschreckt hat, mir euer Ldl-Konzept abseits von dem, was man im Studienseminar vermittelt bekommt, tiefergehend anzuschauen. Das fand (finde) ich schade. Und das war’s. Dass ich dem Konzept generell durchaus zugeneigt bin, denke ich, kommt im Beitrag auch deutlich heraus.

    @Lutz Berger
    Den Vorwurf der Engstirnigkeit an Lisa kann ich hier logisch nicht nachvollziehen. Ich denke, auch Lisa macht deutlich, dass sie das Konzept insgesamt für ein gutes hält. Kritik wird man hoffentlich dennoch anmelden dürfen, ohne der Engstirnigkeit bezichtigt zu werden. Oder sind die „ja, abers“ dann doch nicht immer erwünscht?

    Inwiefern Ldl dem von dir eingebrachten „Ursuppen-Problem“ entgegenwirkt, kann ich deinem Beitrag leider nicht entnehmen, jedoch scheint ausgerechnet dieses den von dir bei Lisa noch als polemisch kritisierten Heiland-Anspruch zu bestätigen: Schule bislang ist unglaublich ineffizient, alleine mit Ldl würde alles ganz anders aussehen. Oder verstehe ich dich da falsch? Dann korrigiere mich – in aller Demut – bitte.

    @Christian
    Danke für deinen freundlichen und erhellenden Kommentar. Mein Problem mit der Terminologie um Ldl ist deren Unschärfe. Die „Neuronen-Metapher“, ja, das klingt irgendwie wunderbar und auch sehr modern. Kinder, die funktionieren wie ein Gehirn, selbstorganisiert lernen, Beiträge „abfeuern“, permanent wach und gespannt sind, „andocken“, wenn nötig, sich gegenseitig befeuern und wie ein Gehirn Wissen speichern.

    Das ist schön und gut, aber meine Schüler sind nun mal keine Neuronen und meine Klassen bilden auch kein Gehirn ab. Sie sind Kinder, Jugendliche, die immer auch ein Stück weit für sich alleine lernen, auch wenn sie in Teams, Gruppen oder als Kollektiv arbeiten. Die manchmal keinen Bock auf Schule haben, deren Eltern und Geschwister manchmal sterben, die verliebt sind, die Außenseiter sind, die wenig geschlafen und manchmal noch weniger gefrühstückt haben und denen der Lehrplan oft verständlicherweise völlig egal ist. Jeder muss sein Wissen letztlich für sich sammeln, darum kommen wir nicht herum, egal, ob wir das Wissen in Blogs, Wikis, Twitterbeiträgen oder auf totem Holz zusammentragen – die nötige Denkleistung muss jeder für sich bringen. Kollektives Denken a’la Gehirn gibt es nicht. Was Tanja im Rahmen von Ldl toll erklärt hat, muss Sally noch lange nicht verstanden haben. Kollektives Wissen – nett, hilft meinen Abi-Prüflingen nur nicht die Bohne, wenn sie alleine vor dem Prüfer sitzen. Da müssen sie vorbereitet sein, da können sie nicht einfach „abfeuern“ und hoffen, dass der Prüfer „andockt“. Da muss etwas Fundiertes bei herum kommen. Ich finde, ihr brecht die Sache mit eurer Metapher zu sehr herunter.

    Ferner ist die Neuronen-Metapher meiner Ansicht nach zu flach. Bei Neuronen geht es um Impulse. Um kurze elektrische Stöße. Schnell gefeuert, wie ihr immer so schön sagt. Wo bleibt die Tiefe? Bei einer Diskussion um die deutsche Nationalhymne oder einer Alternative haben meine Schüler letztens ganz schön „gefeuert“, aber die inhaltliche Tiefe fehlte zunächst. Die mussten wir erarbeiten, und zwar durchaus nicht stoßweise, sondern gründlich und fundiert (und ich denke, das ist ganz im Sinne Ldls). Für meinen Geschmack klingt die Neuronen-Metapher zu sehr nach ziellosem Gestochere im Nebel. Aber im Kontext der im Bildungsdiskurs immer mehr an Bedeutung gewinnenden Gehirnforschung ist sie wahrscheinlich schwer en vogue und lässt sich besser verkaufen.

    @Andreas Kalt
    Danke für die Erläuterung! Ich denke, ich werde mir mal überlegen, wie ich dir beim Sprung ins kalte Wasser am besten folgen kann. 😉

  11. @Christian Spannagel: Zur Neuronenmetapher. LdL als didaktische Methode hat nun schon lange ohne diese „Metapher“ – wie ihr es nennt – funktioniert. Ihr benutzt diese Analogie zwischen Vorgängen im Gehirn und sozialen Vorgängen – nämlich lernenden Netzwerken – jedoch wie ein wissenschaftliches Erklärungs-Modell. Dafür taugt es aber m.E. gar nicht. Systemtheoretische System-Umwelt-Erklärung oder tätigkeittheoretische Subjekt-Gesellschaft-Erklärung eignen sich demgegenüber als weit elaboriertere Modelle viel besser zur Erklärung, wie menschliche Individuen kollaborieren. Und in eurem emphatischen Gebrauch sowie in der Ansage, LdL ginge nicht ohne diese Metapher, geratet ihr in Gefahr, eine Dogmatik zu entwickeln (mit entsprechender Abschließung gegenüber anderen Modellen, Guru- und Sektenbildung.) Last not least: Kommunikationsmedien haben in dem schlichten Modell der Analogie „Gruppe funktioniert wie Hirn“ überhaupt keinen Platz im Erklärungssystem (im Unterschied zur Systemtheorie und der Tätigkeitstheorie) und fällt damit hinter schon vor Jahrzehnten gefundene Erkentnisse der Erkenntnistheorie zurück.
    Um aber LdL als didaktisches Konzept zu promoten, ist das alles überhaupt nicht nötig. Entstanden ist „Neuronenmetapher“ da, wo Jean-Pol versucht, aus dem didaktischen Konzept – angereichert mit ein paar psychologischen Modellen (wie Motivationskonzept Maslov), die er hier und da nimmt, + „Neuronenmetapher“ als Erklärungsmodell eine Art Theorie zu basteln. Der fehlt es jedoch an methodologischer Kohärenz.

  12. die nötige Denkleistung muss jeder für sich bringen. Kollektives Denken a’la Gehirn gibt es nicht. Was Tanja im Rahmen von Ldl toll erklärt hat, muss Sally noch lange nicht verstanden haben.

    Ich verstehe die Metapher anders. Natürlich muss jeder denken, aber in diesem „Neuronen-Setting“, wo jeder mit wenig Hemmung etwas beiträgt, wird auch mehr nachgefragt (s. meinen Erfahrungsbericht). Inzwischen haben dort auch drei meiner Schüler kommentiert – zumindest zwei sehen es auch so, dass sie sich intensiver und damit nachhaltiger mit dem Inhalt auseinandergesetzt haben.

    Insofern: natürlich kommt Verständnis nicht von allein, aber beim häufigen Partizipieren halte ich Verständnis für wahrscheinlicher als beim passiven Rezipieren.

    Bei Neuronen geht es um Impulse. Um kurze elektrische Stöße. Schnell gefeuert, wie ihr immer so schön sagt. Wo bleibt die Tiefe? Bei einer Diskussion um die deutsche Nationalhymne oder einer Alternative haben meine Schüler letztens ganz schön “gefeuert”, aber die inhaltliche Tiefe fehlte zunächst.

    Ich kann hierzu noch nicht viel eigene Erfahrung beitragen, aber in der o.g. Stunde wurde zunächst auch nur gesammelt. Dann habe ich den Hinweis gegeben, dass man daraus nun eine Struktur erstellen sollte. Das geschah dann auch – je nach Komplexität muss m.E. mehr oder weniger Strukturierung von Seiten des Lehrers erfolgen, denn das ist ja unser großer Vorsprung: die Stoffe so intensiv behandelt zu haben, dass wir einen Überblick haben und nicht nur einzelne Details sehen.

    Außerdem: das Gehirn schafft ja gerade das Faszinierende: diese unzähligen binären Signale, werden integriert und erzeugen Gehirnfunktionen wie z.B. Emotionen, Gestaltwahrnehmung und Gedächtnis. Dazu sind im Gehirn übergeordnete Zentren da – ich sehe z.B. den Lehrer oder besonders kompetente Schüler als solche strukturierenden Zentren im Klassenzimmer.

    Wie gesagt: diese Ausführungen stützen sich bisher noch nicht auf meine eigene Erfahrung. Du kannst aber daran ablesen, wie passend mit die Neuronenmetapher erscheint. Da fügten sich bei mir viele bisher gehegte Einzelbilder zu einem sinnvollen Ganzen. Aber das muss natürlich nicht jedem so gehen.

  13. @Hockey
    Sicherlich erwartest du nicht, dass ich auf alle Punkte eingehe. Diese sind mir vertraut, die aufgeworfenen Fragen lassen sich aber nicht in einem Blogbeitrag befriedigend beantworten. Aus deinem Text habe ich auch nicht den rekurrenten Vorwurf des „Narzismus, Missionargehabens, Dogmatimus“ herausgelesen, der mir sonst gerne entgegengeschleudert wird. Deine Beschreibungen halte ich für sehr behutsam und ausgewogen und ich fühle mich von dir respektvoll behandelt. Mein Blogbeitrag sollte nur daran erinnern, dass das gelegentliche Zuspitzen bestimmter Positionen einer sehr umfangreichen Arbeit Aufmerksamkeit verschaffen soll, die von vielen Kollegen im Rahmen des LdL-Kontextes seit dreißig Jahren geleistet wurde, ohne dass die Schulöffentlichkeit sich ernsthaft mir ihr befasst hätte. Dass ein paar hundert wissenschaftliche Publikationen nicht ausreichen, um eine vertiefte Auseinandersetzung herauszufordern, lässt sich nicht durch das gelegentlich egozentrische Auftreten einiger Protagonisten begründen. Aber jetzt stehen wir offensichtlich vor einer solchen, vertieften Rezeption.

  14. @Hockey

    du siehst, kaum wirft man einen stein ins wasser, zieht er kreise, respektive kommentare an. insofern: congratz zu deinem beitrag und dem blog! die engstirnigkeit bezog sich auf das heiland-zitat, das häufig dann rausgeholt wird, wenn jemand (allzu?) begeister ist.

    ansonsten: wenn dein einziges werkzeug ein hammer ist, sieht alles aus wie ein nagel. uill sagen: selbstverständlich ist ldl kein allheilmittel. und der erfolg/misserfolg dieser methode hängt wie alle andere auch primär vom lehrer und dem verhältnis lehrer-schüler ab.

    schule als „unglaublich ineffizient“ zu bezeichnen, dazu steh ich. heute mehr denn je! mehr noch: ich halte auch pauschal ein drittel aller lehrkräfte für eine fehlbesetzung – mit vcerheerenden konsequenzen! da kommen viele gründe zusammen, von der parteipolitischen unterwanderung der kultusministerien bis hin zu … aber wem erzähl ich das, du kennst die breite palette deiner kollegen!

    was kritik angeht – welcome! nicht nur wegen artikel 5 des grundgesetzes. gleichwohl sehe ich mehr stirnrunzler als lachfalter, mehr yes butter als why notter. nicht nur unter lehrern bilden bedenkenträger eine starke fraktion! und noch eins:

    lehren & lernen ist keine domäne der linken hemisphäre. die wird völlig überschätzt! vieles in der literatur liest sich gut – but can you dance to it? ein guter praktiker ist mir lieber als 100 theoretiker, die sich im real life nicht mal die schuhe zubinden können.

    egal, ob er mit ldl, nlp, psychologie, neurobiologie, humor oder feuer im herzen unterrichtet. wichtig ist, was (von ihm) rüberkommt und wie er seine schüler für das fach begeistert.

    das hat viel mit gefühl, glaubwürdigkeit, empathie, charisma und lebenserfahrung zu tun. lust auf abenteuer und mut, auch mal was neues zu probieren.

    mein traum? kultusministerien schliessen, schulen autonom machen und im in- und ausland intensiv vernetzen, noten bekommen nur die lehrer und wer mehr als drei prozent ausschuss produziert, fliegt raus.

    die/der nächste bitte!

  15. Wahnsinn, wie sich die Diskussion hier weiterentwickelt hat. Ich möchte nochmal auf die beiden Kommentare von Hokey und Lisa zur Neuronenmetapher eingehen, weil ich immer noch das Gefühl habe, dass hier ein grundlegendes Missverständnis vorliegt.

    Die Neuronenmetapher soll NICHT erklären und NICHT beschreiben.
    (@Lisa: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, weshalb du immer noch denkst, dass es ein Erklärungsmodell ist, obwohl wir doch schon wirklich richtig oft drüber diskutiert haben).

    Wenn Hokey schreibt „Meine Schüler sind nunmal keine Neuronen“, so muss ich sagen: „Klar, sind sie nicht.“ Aber wenn ich meine Studenten eine Gruppendiskussion unter sich führen lassen will, und wenn ich will, dass sie einfach die Dinge sagen, die sie denken, damit auch Unklarheiten und fehlerhafte Vorstellungen zum Vorschein kommen und diskutiert werden können, dann möchte ich den Studenten ein Bild an die Hand geben, wie sie miteinander diskutieren sollen. „Wenn ihr einen Beitrag habt, dann haltet ihn nicht zurück, weil ihr denkt, er könne falsch oder irrelevant sein. Einfach sagen! Wenn er falsch ist, dann hatten vielleicht auch noch andere diesen falschen Gedanken, und irgendeiner aus der Gruppe stellt ihn richtig, und dann haben alle was davon. Also: Zögert nicht bei der Diskussion, eure Gedanken einzubringen. Verhaltet euch so wie Neuronen, die einfach feuern, wenn sie bestimmten Input bekommen und verarbeitet haben.“ Mehr ist es nicht. Es ist eine handlungsinduzierende Metapher (!) und kein deskriptives Modell, das die Wirklichkeit beschreibt. Wenn ihr wollt, ist es ein normatives Modell – aber es ist nicht deskriptiv. Ich will den Studenten ein Bild an die Hand geben, dass sie darin unterstützt, ihre inhaltlichen Zweifel nicht bei sich zu behalten, sondern zu äußern und damit zum Diskussionsinhalt zu machen. Wenn sie die Tendenz haben, ihren Beitrag für sich zu behalten, dann soll ihnen das Bild des Neurons in den Sinn kommen, und sie sollen denken: „Ach was, nicht für mich behalten, einfach feuern!“. Denn: So werden Unklarheiten (die normalerweise für sich behalten werden) in der Gruppe zu Klarheiten gemacht.

    Und „flach“ ist diese Art der Diskussion ebenso nicht. Sobald etwas in die Gruppe eingebracht wurde, denken die anderen über diesen Beitrag nach, und in einer intensiven Diskussion können dann Klarheiten geschaffen werden. Ich habe dies jetzt in meinen Vorlesungen erlebt: Die Studenten diskutieren über Mathematik; sie sprechen über das Wesentliche und die Grenzen mathematischer Begriffe, sie setzen sich gemeinsam mit mathematischen Definitionen auseinander usw. Das heißt, sie machen etwas, was sie sonst nicht machen: Sie sprechen über Mathematik, und zwar in einer wirklich tiefen Diskussion, die dadurch entstanden ist, dass jemand einfach einen Zweifel geäußert hat (d.h. gefeuert hat). Und genau das ist eine ideale Vorbereitung für eine mündliche Prüfung! Das Sprechen über Mathematik kommt sonst nämlich viel zu kurz, und dann sitzen Studenten in der Prüfung und kriegen keinen Ton raus.

    Darüber hinaus ist zu sagen, dass die Neuronenmetapher eine Metapher für Gruppendiskussionen ist. Natürlich bedarf es auch intensiven, tiefen und individuellen Auseinandersetzungen mit dem Thema (beispielsweise durch das Lesen eines Texts und das Verfassen einer Ausarbeitung usw.). Und wenn etwas nicht in der Gruppe geklärt werden kann, bekommen alle den Auftrag, sich entsprechend kundig zu machen.

  16. @cspannagel
    Danke für die weitere Erläuterung. Sie passt zu dem, was auch ich in der beschriebenen Stunde erlebt habe.

    Ich habe ebenfalls das Bild von den Neuronen gleich zu Beginn in meiner Erklärung der Methode eingebunden, weil ich es als „Handlungsmuster“ dem traditionellen Verhalten von Schülern im Unterricht gegenüber stellen wollte.

    Im Übrigen finde ich, dass diese Metapher auch für die gemeinsame Arbeit im Netz einen großen handlungsleitenden Wert hat. Ich erlebe das gerade selbst, versuche aber auch meinen Schülern klar zu machen, dass sie auf diese Weise via Web ihre eigenen Beiträge zur Konstruktion von Wissen leisten können.

    Momentan arbeiten sie gerade daran, mit einem Writeboard die Erkenntnisse aus der o.g. Stunde festzuhalten. Das geht richtig gut und es wird klar, dass auch hier sich ein intensiver Entwicklungsprozess zeigt. Der aktuelle Text wurde bereits mehrfach grundlegende überarbeitet und umstrukturiert und wird immer besser.

    Bisher habe ich schon mehrfach versucht, dieses Arbeit im Writeboard einzuführen, doch die Ergebnisse blieben immer relativ lustlos. Dieses Mal habe ich das Gefühl, dass es bei einigen „Klick“ gemacht hat, was diese „online collaboration“ soll und bringen kann. Auch hierbei hilft die Neuronenmetapher als bildhafte Vorstellung.

  17. @cspannagel und Andreas Kalt
    Fein!
    Wenn man nun einen weiteren Schritt geht:
    Die Qualität des Gehirns und der weltweiten Reflexion ist abhängig
    – a) von der Qualität der einzelnen Neuronen, und
    – b) von der Qualität der Verbindungen zwischen diesen Neuronen
    Daher ist jeder Neuron aufgefordert, seine eigene Kompetenz aktiv zu erhöhen.
    Wir müssen also dafür sorgen, dass die einzelnen Neuronen/Schüler kompetenter werden und dass die Kommunikationswege zwischen den Schülern sowohl im Unterricht als auch außerhalb (virtuell) optimiert werden (Interaktionsarchitektur).

    Zur aktiven Optimierung des Neurons:
    http://www.adz-netzwerk.de/wiki/index.php/Benutzer:Jeanpol/Folie_4

  18. Da vieles, dass mir zu dem Eintrag durch den Kopf geht schon gesagt ist, nehme ich nur ein Wort auf, dass du in deinem Beitrag verwendest:

    ich nenne es mal “Hype” – um Ldl, Twitter und Web2.0

    Ja, der Eindruck kann entstehen, wenn ich in den LdL-Communities, bei Twitter mit den entsprechenden Kollegen und Kolleginnen in Kontakt und im Web2.0 selbst aktiv bin. – Schaue ich aber, wie weit dieser „Hype“ wirklich verbreitet ist, dann sieht das ganz anders aus, dann komme ich mir vor, wie in einem Club von Exoten, die, mal auf die Zahl der Lehrenden hochgerechnet, nicht sonderlich weit verbreitet sind. Von wegen, das machen alle. Ganz im Gegenteil: Es sind ein „paar“ Leute, die sich mit dem Thema intensiv befassen und praktische Erfahrungen mit der theoretischen Reflexion verbinden.

    Und diese Reflexion kann, dank der Vorarbeiten von Jean-Pol, auf einem tragfähigen Fundamtent (Maslow, Konstruktivismus, die Metaphern) stattfinden.

    Angesichts der Bekanntheit von „Lernen durch Lehren“ unter den Kollegen (ich habe mich mal umgehört und war überrascht, wie viele schon mal was davon gehört haben (meist im Studium) und wie wie wenige es im Unterricht je so eingesetzt haben, dass sie von LdL-Unterricht sprechen.

    Bislang scheint LdL (und die Neuronenmetapher) bei vielen, die davon gehört haben, so mein Eindruck, vor allem als ein theoretisches und deskriptives Konzept verstanden worden zu sein. Das wurde hier ja in Bezug auf die Neuronenmetapher auch schon angesprochen. Von daher geht die gegenwärtige Entwicklung mit konkreten Dokumentationen einen Schritt weiter und zeigt: Nein, da geht es nicht um deskripitives Konzept sondern, sondern eine Methodik, die autonomes Handeln fördert. Und das dies im 21. Jahrhundert von Bedeutung ist, hat Ulrich Klotz gerade sehr überzeugend dargestellt. (http://b-republik.de/b-republik.php/cat/8/aid/1451/title/Unternehmen_und_Arbeit_2.0) Ich musste bei dem Artikel oft an LdL denken, aber auch an die Diskussion um Web2.0. Klotz weißt auf neue Formen des Arbeitens, des Konstruierens von Wissen und damit auf eine Lernkultur hin, die mit dem Web2.0 nicht nur möglich sind, sondern bereits umgesetzt werden.

    Für mich ist das übrigens auch ein Erklärungsansatz, warum die Diskussion um LdL und Web2.0 gerade jetzt so hochkocht: Hier wird eine handlungsorientierte Bildungskonzeption diskutiert, die auf der Höhe der Zeit ist und dennoch vor große Herausforderungen stellt, sei es in Sachen technischer Ausstattung von Schulen (was, zumindest an meiner Schule, zu bewältigen ist, da die Ausstattung der Schüler und Schülerinnen in den meisten Fällen gut bis sehr gut ist), sei es in Sachen Offenheit der Lehrenden gegenüber Einsatz digitaler und vernetzter Medien, die dann natürlich den Unterricht in gewisser Weise „nach außen“ öffnen und transparenter machen. (Wenn z.B. ein Kurs oder Teile der von mir unterrichteten Schüler und Schülerinnen zu twittern beginnen [würden], dann würden, so nicht alle ihre Updates schützen, schnell auch Externe an den Diskussionen teilnehmen, die SuS aus den unterschiedlichen Stufen würden von den Aktivitiäten in anderen Stufen mitbekommen, Eltern würden sich unter den Followern finden…) Solche Transparenz kann angesichts des Umgangs so mancher an Bildungsfragen Interessierten beängstigend sein.

    Hype? Ja, innerhalb von etwas, das man, wenn das Wort nicht so missverständlich wäre, Szene nennen könnte. Dabei bleibt die Diskussion in vielen Fällen affirmativ und lebt von kritischen Berichten, wie hier einer zu finden ist. Vor allem bezüglich des Web2.0 gibt es in Sachen Lernkultur und Partizipation noch einiges zu klären. Und wenn der „Hype“ dazu beiträgt, bin ich zufrieden, mich auf diese Herausforderungen eingelassen zu haben 🙂

    Gruß,
    Torsten

  19. Daher ist jeder Neuron aufgefordert, seine eigene Kompetenz aktiv zu erhöhen.
    Wir müssen also dafür sorgen, dass die einzelnen Neuronen/Schüler kompetenter werden und dass die Kommunikationswege zwischen den Schülern sowohl im Unterricht als auch außerhalb (virtuell) optimiert werden (Interaktionsarchitektur).

    Und bei dieser (virtuell gestützten) Interaktionsarchitektur gilt es dann auch, die dadurch möglicherweise entstehende größere Öffentlichkeit und die dann möglicherweise auftretenden Konfliktpotentiale durch destruktive Beiträge von außen, mit in die Konzeption einfließen zu lassen. Zumindest mein Eindruck, wenn ich mir anschaue, dass nicht alle Diskussionen im virtuellen Raum so ad rem stattfinden, wie im LdL-Neuronen-Web2.0-Netzwerk.

  20. Ui, toll. Eine Diskussion, die spannender nicht sein könnte, da ich mich zwar schon für LdL interessiere, diese Arbeitsweise aber nie als solches wahrgenommen habe und das Neue an dem Konzept nicht unbedingt verstanden habe. Denn: Schülerzentriert soll’s doch sowieso sein.

    Ein Beispiel aus der Unterrichtspraxis: In meiner vierten Klasse kristallisieren sich in selbstständigen Erarbeitungsphasen Experten zum Thema heraus, setzen sich ein schickes quietschoranges Cap auf und helfen anderen Kindern mit ihrem Expertenwissen.
    Ich lasse die Kinder (wenn möglich) mathematische Regeln selbst entdecken, gebe Impulse und versuche mich mit der Lenkung zurück zu halten.
    Ich lehne mich an Reformpädagogen, Didaktiker sowie an meine methodisch-didaktisch und pädagogisch wirklich kompetenten Kollegen und Seminarleiter an, klaue Ideen und versuche Methoden.
    Ich halte es lieber einfach, strukturiert und verständlich, denn ich bin ja immerhin in der Grundschule unterwegs. Die „Neuronenmetapher“ ist mir da zu hoch. Ein paar meiner kleinen „Neuronen“, falls sie’s denn sind, können sich noch keine Arbeitsaufträge erlesen, träufeln Kleber auf Pausenbrote oder quatschen permanent über Fußballsticker, Prinzessin Lilifee und High School Musical 3.
    Außerdem twittern wir nicht (dagegen habe ich im Blog schon gewettert), googeln jedoch fleißig.

    Was mich außerdem brennend interessieren würde (wo wir hier doch gerade so nett unter uns sind), ist, wie sich die Neuronenmetapher und LdL zur Binnendifferenzierung oder eben zieldifferentem Unterrichten verhält. Ich arbeite mit Kindern, die Förderbedarf im emozional-sozialen Bereich haben, LRS, Dyskalkulie, beim Logopäden sind, eine Hochbegabung aufweisen, spezielle Ansprache und Aufmerksamkeit benötigen…
    … meine Botenstoffe haben also ganz schön zu tun.

    Was mich aber hier gerade begeistert, ist der Versuch auf allen Seiten, einem vielleicht ja pseudopädagogischen aber vor allem wissenschaftlichen Tunnelblick entgegen zu wirken.

    Danke!

  21. Ist schon witzig, mit den „Ja-abers“. In der freien Wirtschaft haben wir die „Ja-abers“ als die „Terminierungsphase“ von guten Ideen in Meetings bezeichnet. Es scheint wohl ein ungeschriebenes Naturgesetz zu sein, das beim Entstehen von Ideen oder Projekten meistens mehr Gegenargumente zu hören sind die solches in Gefahr bringen. Eine mögliche Abhilfe, zumindest in überschaubaren Gruppen wäre die Walt-Disney-Strategie http://www.nlp.at/lexikon_neu/index.htm
    Gruß
    Thorsten

  22. @Miriam „Ich arbeite mit Kindern, die Förderbedarf im emozional-sozialen Bereich haben, LRS, Dyskalkulie, beim Logopäden sind, eine Hochbegabung aufweisen, spezielle Ansprache und Aufmerksamkeit benötigen…“ – Das sind alles Probleme, die aus meiner Sicht spezielle Vorgehensweisen notwendig machen (beispielsweise spezielle Förderung bei Dyskalkulie). Weshalb sollte hier LdL sich irgendwie dazu verhalten? Das machen auch die anderen Methoden nicht. Wie verhält sich Projektunterricht zu LRS? Oder Frontalunterricht?

  23. @Christian Spannagel

    > Die Neuronenmetapher soll NICHT erklären und NICHT beschreiben.
    (@Lisa: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, weshalb du immer noch denkst, dass es ein Erklärungsmodell ist, obwohl wir doch schon wirklich richtig oft drüber diskutiert haben).<
    Ok. Du hast Recht. Es soll nicht erklären. Dann kann ich auch nicht verlangen, dass mir die Erklärung, die nicht sein soll, einleuchtet. Ich gebe es zu. Ich werde nie wieder so blöd darauf insistieren. Versprochen! 😉 Mein Grummel in Hirn und Bauch gegen diese Metapher hat also ein anderes Motiv. Ich glaube, es ist das, dass ich eben eher von einleuchtenden Erklärungen überzeugt werde, als von emphatischen Metaphern. (Das betrifft den Grummel in meinem Hirn). Und der Grummel im Bauch wird ausgelöst dadurch, dass ich als lernendes psychisches System eben nicht auf mein Gehirn reduziert werden möchte – nicht mein Gehirn lernt, sondern ich, die Person, das Subjekt, das psychische System! – und noch weniger mir die Vorstellung behagt, ich müsse auf Ansage wie ein „Neuron feuern“. Pustekuchen, gar nichts muss ich.
    Und ich gebe gerne zu, dass alle meine Versuche, mit theoriebezogener Argumentation sowohl an eurer Praxis, die gar keinen Theorierahmen haben möchte, vorbeigeht, als auch eigentlich post festum mir selbst mein Grummel erklären möchte. Ich lerne halt verdammt gerne selbstgesteuert – und versuche bei anderen solche Prozesse zu ermöglichen – anstatt dass ich mich zum „Feuern“ (it is the same like brainstorming, is’nt it?) mit mir nicht einleuchtenden Vergleichen animieren lasse. Ich bräuchte – wenn überhaupt – sozusagen ein anderes persuasive design. 😉

  24. Zur Funktion der „Neuronenmetapher“. Wenn ich es jetzt verstanden, habe, dann soll sie nur ein Steuerungselement des Lernprozesses sein – im Sinne von Kontextsteuerung – , nämlich, die normale Praxis ausschalten, die aus dem Systemdefekt Schule herrührt, dass Schüler versuchen müssen, richtige Antworten zu geben, weil falsche Antworten schlechte Bewertung nach sich ziehen. Es sollen die Schüler also zu einer anderen Praxis gebracht werden, wo sie ohne (Selbst-) Zensurierung alles mitteilen, was sie zum Lerngegenstand denken, völlig unabhängig davon, ob sie glauben, es nütze dem Lernprozess etwas oder nicht, oder es könne falsch sein oder nicht. Gut. Das ist ja eine wunderbare Sache, denn ohne Fehler machen zu dürfen, kann man nicht lernen. Aber wenn wir von dieser Funktion her denken, dann ist es unverständlich, warum dann ein Instrument zur Umsteuerung her muss, dass diese Funktion gar nicht sichtbar macht, sondern stattdessen die (m. E. irrige) Vorstellung nahelegt, Gruppenlernprozesse seien analog den Vorgängen eines individuellen Gehirns. Viel klarer wäre mir, wenn man den Schülern eben dies erklärt: „Ihr lernt nichts, wenn ihr euch nicht traut, Fehler zu machen, vermeintlich „Dummes“ zu sagen und nicht spontan assoziativ euere Gedanken und womöglichen Missverständnisse kommuniziert. Und damit ihr euch das, was bisher systemisch „verboten“ war, traut, verspreche ich euch, dass eure Beiträge nicht bewertet werden.“ Dann hat man das Problem außerdem angesprochen, was dahinter steht. „Lob des Fehlers“ ist doch länger unter (einsichtigen) Lehrern klar. Nur im System Schule widerspricht es notorisch den Systemregeln. Diese zur Sprache zu bringen und ein anderes Verhalten für sinnvoller erklären und prämieren braucht doch nicht eine solche Metapher? – Ich finde das von hinten durch die Brust ins Auge. Aber gut. Wenn es hilft! Wenn die Schüler nun gerne „feuern“ … Aber was machen wir mit denen, die so auf die Metapher reagieren wie ich? 😉 Könnten wir sie nicht einfach durch Klarsprache ersetzen?

  25. @Lisa „sowohl an eurer Praxis, die gar keinen Theorierahmen haben möchte, vorbeigeht“ – Das stimmt so natürlich nicht. Selbstverständlich haben wir einen Theorierahmen für unsere Praxis. Das Problem ist nur, dass du versuchst, unsere Praxis zur Theorie zu machen. Das ist sie nämlich nicht.

    „und noch weniger mir die Vorstellung behagt, ich müsse auf Ansage wie ein “Neuron feuern”. – Ich würde dir vorschlagen, dir das Ganze einmal wirklich anzusehen. Niemand feuert bei LdL „auf Ansage“. Ich glaube wirklich, dass du eine falsche Vorstellung von dem hast, was dabei passiert. Die Lernenden sind in höchstem Maße selbstgesteuert und beteiligen sich aktiv an Diskussionen. Auf Ansage passiert hier gar nichts.

    „sondern stattdessen die (m. E. irrige) Vorstellung nahelegt, Gruppenlernprozesse seien analog den Vorgängen eines individuellen Gehirns.“ – Hier steckt wieder die Erklärungsfalle drin. Niemand sagt, Gruppenprozesse seien analog zu den Vorgängen des Gehirns. Das wäre deskriptiv.

    „Ihr lernt nichts, wenn ihr euch nicht traut, Fehler zu machen, vermeintlich “Dummes” zu sagen und nicht spontan assoziativ euere Gedanken und womöglichen Missverständnisse kommuniziert. Und damit ihr euch das, was bisher systemisch “verboten” war, traut, verspreche ich euch, dass eure Beiträge nicht bewertet werden.”

    Genau das sagt man ja auch, und ergänzt es noch durch „… ihr sollt praktisch feuern wie Neuronen.“ Für diejenigen, die lieber in Bildern denken als abstrakt. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Sprüche wie „Ihr müsst aktiv sein“ und „Ihr dürft Fehler machen“ niemand wirklich hinter dem Ofen herlocken. Aber: „Ihr sollt wie Neuronen feuern!“ und „Lasst uns die Welt verbessern!“ macht einfach Spaß. Bitte, bitte, bitte: Sieh die Neuronenmetapher als ein Bild an, das man Lernenden an die Hand geben kann, damit sie sich eine kompakte Vorstellung von dem machen können, wie sie handeln sollen. Wenn Lernende dieses Bild nicht brauchen, wunderbar – sie bekommen ja auch den Klartext, den du beispielhaft ausgeführt hast.

  26. Ich habe nicht versucht, eure Praxis zur Theorie zu machen. Aber man hat mir gegen meine Einwände – sagen wir zur erklärenden Modellvorstellung (das liegt ja zwischen Praxis und Theorie) – immer das Funktionieren der Praxis entgegengehalten.
    Was ich noch nicht so ganz kapiere: Wenn die Neuronenmetapher ein zusätzliches Spaß-Zuckerl dafür sein soll, den Hund hinterm Ofen vorzulocken, den sonst nichts lockt – dann passt das nicht zu der prominenten Stellung, die ihr dieser Metapher im ganzen Modell einräumt, mit der Ansage, sie sei unverzichtbar, und mit der Erklärung, sie beschreibe, wie man sich zu verhalten habe. (So jedenfalls hast du oben gesprochen.) Du schiebst die Bedeutung der Metapher immer hin und her – mal wird sie bedeutsam fürs Funktionieren, mal randständig unwesentlich für das Verständnis des Modells – nun grade, wie es argumentativ passt, will mir jetzt scheinen. Und dann sagst du, sie SOLL nicht erklären. Aber wie ich in Beiträgen zu dieser Diskussion gesehen habe, wird sie – eben weil sie eine solch prominente Stellung hat zu einer Vorstellung davon, wie kollektive Lernprozesse ablaufen. Sie wird tatsächlich als Erklärungsmodell genommen, wenn die Schüler „Neuronen“ genannt werden, deren Kompetenz zu erhöhen sei, oder wenn das Bild dafür herhalten soll, zu erklären wie vernetztes Arbeiten, vernetzte Intelligenz meinetwegen beim microblogging stattfindet. Ihr müsst zumindest darüber nachdenken, ob ihr solche Effekte wünscht, mithin auch, ob es euch recht ist, dass eine Metapher, die in eurem Sinne bloß als Motivator – dann aber wiederum auch als Handlungsanweisung! – dienen soll, sich hinter eurem Rücken quasi als Erklärungsmodell etabliert, das ihr – zumindest nach deinen Aussagen – aber als Erklärungsmodell selbst auch für untauglich haltet. Oder doch nicht? Wenn so, dann stellt sich die Frage, warum man es nicht auf dieser Ebene diskutieren kann, weil ihr es dann eben wieder zum bloßen Praxiselement erklärt. Als Praxiselement machst du es aber auch wieder unangreifbar, weiln du sagtst, es ist nicht so wichtig. Wenn ich dann LdL jedoch OHNE diese Metapher reklamiere, dann ist es plötzlich wieder so zentral bedeutsam … Spielen wir hier verstecken, oder was ist los? 😉

  27. Wieder missverstanden (seufz). Die Neuronenmetapher ist kein Spaß-Zuckerl, sondern ein zentrales Bild. Ich habe gesagt, dass diejenigen, die sie nicht brauchen, sie ja ignorieren können. Aber viele lassen sich nicht einfach durch abstrakte Ansagen wir „Ihr dürft auch Fehler machen“ motivieren – sie brauchen motivierende Bilder. Für diese Lernenden BRAUCHE ich eine solche motivierende Metapher. Du drehst mir wirklich die Worte im Mund herum!

    „mal randständig unwesentlich für das Verständnis des Modells“ – Wo habe ich das geschrieben?

    „Sie wird tatsächlich als Erklärungsmodell genommen“ – Wo habe ich das geschrieben?

    „oder wenn das Bild dafür herhalten soll, zu erklären wie vernetztes Arbeiten, vernetzte Intelligenz meinetwegen beim microblogging stattfindet.“ – Wo habe ich das geschrieben?

    Nochmal: Die Neuronenmetapher soll nicht erklären, sondern handlungsinduzierend sein. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es noch deutlicher sagen soll.

    „ob es euch recht ist … sich hinter eurem Rücken quasi als Erklärungsmodell etabliert“ – Nein, ist es nicht. Deswegen machen wir ja auch nichts anderes als ständig zu erklären, dass es nicht so ist (zum Beispiel dir).

    „Als Praxiselement machst du es aber auch wieder unangreifbar, weiln du sagtst, es ist nicht so wichtig.“ – Wo sage ich das?

    Wir spielen in keinem Fall verstecken. Ich möchte dich nur bitten, die Dinge so zu lesen, wie ich sie schreibe.

  28. @Spannagel
    Weil ich dich gerade hier sehe: Metaphern haben den Vorteil, dass sie den oft langweiligen Metadiskurs von Lehrern abkürzen. Metaphern sind also ökonomischer als umständliche Erläuterungen über den Sinn bestimmter didaktischer Maßnahmen. In der Regel interessiert es zwar die Lehrer, nicht aber die Schüler. Sie wollen handeln und voranschreiten.
    Ansonsten, das haben wir noch nicht besprochen, muss, nach der Konzeptualisierung des Neurons als Verhaltensempfehlung, die Bildung von neuronalen Netzen als nächsten Schritt empfohlen werden. Das wären dann kleine Gruppen von Schülern, die besonders intensiv interagieren und durch Selektion, Hierarchisierung und Kompression von Informationen Wissen produzieren. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass diese Gruppen stabil bleiben. Nur so können sie sich zu lernenden Einheiten konstituieren. Lernen wird bekanntlich als die Konstituierung von stabilen Neuronenensembles definiert. Und stabile Neuronenensembles wiederum bilden sich dann, wenn permanente Interaktionen (Transmitterausschüttungen) zwischen den Neuronen erfolgen. Auf die Schüler bezogen bedeutet es, dass Schüler innerhalb einer stabilen Gruppe viel interagieren sollen. Dasselbe lässt sich auf virtuelle Gruppen übertragen. So bilden du, alexander, lutz und ich ein stabiles Neuronenensemble und gleichzeitig so etwas wie eine lernende Organisation.

  29. @Christian Spannagel Die Zitate aus meinem Kommentar – „wo habe ich das geschrieben“ – beziehen sich nicht auf Dich, sondern auf Diskussionsbeiträge anderer.
    Ich empfinde mich auch nicht als verstanden (seufz) 😉
    „Ich möchte dich nur bitten, die Dinge so zu lesen, wie ich sie schreibe.“ Ja, das versuche ich – genau wie du. Aber so ist es nun mal: Verstehen ist nicht so einfach, und ums Interpretieren der Aussagen anderer kommt man gar nicht drumherum, denn man kann sie nicht unmittelbar so verstehen, wie sie gesagt oder geschrieben wurden. Da geht es uns welchselseitig genau gleich! Also bitte, nicht mir unterstellen, ich würde dir was im Mund herumdrehen oder falsch zitieren oder so dich absichtlich mißverstehen. Das entspricht nicht meinem Diskussionsstil. Aber nun lassen wir das mal, denn wir kommen so einfach offenbar nicht dahin, zu verstehen, was der andere meint. Wir wiederholen und paraphrasieren uns jeder immer wieder, weil wir irrigerweise annehmen, wir hätten uns noch nicht klar genug ausgedrückt. Das macht natürlich mürbe und überhaupt keinen Sinn. Es wäre wohl schon gut, wenigstens das zu verstehen – und damit meine ich uns beide! Und nicht zu glauben, man wüsste seinerseits wohl, was der andere meint, und sei nur selbst missverstanden worden.

  30. @Jean-Pol: „Metaphern sind also ökonomischer als umständliche Erläuterungen über den Sinn bestimmter didaktischer Maßnahmen. In der Regel interessiert es zwar die Lehrer, nicht aber die Schüler. Sie wollen handeln und voranschreiten.“
    Ich glaube, es ist sehr wichtig, nicht nur zu lernen (Handlen), sondern auch das eigene Lernen zu reflektieren. Das ist wenigstens Humboldt-Niveau. Die Aufteilung in Lehrer (weiß, was und warum er es anordnet) und Schüler (tut und braucht nichts weiter darüber zu wissen), dachte ich, wäre ja mit LdL aufzuheben, oder nicht?
    Mein Klartext „Leute, scheut euch nicht, eure Gedanken zu kommunizieren und Fehler zum machen“ ist keine Erläuterung von Sinn didaktischer Maßnahme, sondern ein zentraler Punkt des reflexiven Lernen Lernens – und es ist ja nun von Schülern sofort zu verstehen, und wurde jedenfalls von meinen Schülern immer mit großer Zustimmung quittiert.

  31. Nun und der letzte Kommentar von Jean-Pol zum Neuronenkonzept zeigt superdeutlich, dass es keine bloße Metapher (zum Motivieren) ist, sondern tatsächlich zum Erklärungsmodell gehört: die Funktionsweise Neuronaler Netze (im Gehirn) werden platt zur Erklärung in die soziale Welt (des Lernens) übertragen. Und die Schüler werden wie Objekte gesehen, die man hier- und da herumschiebt und ihnen vorschreibt, was sie zu tun haben. Haben die Schüler eigentlich auch noch eine eigene Stimme in dem Ganzen mechanistisch gedachten Kollektivlern-Arrangement? Wo ist die angebliche Selbststeuerung (von Selbstbestimmung mal ganz zu schweigen)?

  32. @Lisa Du machst mich wirklich wahnsinnig! Wo bitte liest du aus dem letzten Kommentar von Jean-Pol das folgende heraus? „Nun und der letzte Kommentar von Jean-Pol zum Neuronenkonzept zeigt superdeutlich, dass es keine bloße Metapher (zum Motivieren) ist, sondern tatsächlich zum Erklärungsmodell gehört“. Er spricht immer von „Empfehlung“ und „sie sollen“. Es sind HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN. Hier wird gar nichts erklärt. Kann mal jemand anders helfen? Sprechen wir wirklich so undeutlich?

    @Lisa Nimm dir bitte nochmal 5 Minuten und lies den Beitrag von Jean-Pol GENAU. Wo ist hier ein Erklärungsmodell für die soziale Welt enthalten? Jean-Pol beschreibt, wie sich neuronales Lernen im Gehirn abspielt (das Bilden von Ensembles) und überträgt dies in eine Metapher, die handlungsinduzierend sein soll. Es ist ein normatives Modell. (Ich habe irgendwie das Gefühl, mich zu wiederholen.)

  33. Puuuh… oder „irre“, wie Christian an dieser Stelle gerne sagt. Vorab: Das muss ich alles erst mal verdauen, sowohl kognitiv als auch emotional und ich werde höchstwahrscheinlich jetzt nur auf einen Bruchteil der Kommentare eingehen können. Oder besser: Ich werde mal ein paar der Posten vorstellen, die bei mir jetzt „auf Halde“ liegen und irgendwann abgearbeitet werden müssen.

      Ist Ldl (nicht das in den Schulbüchern oder Fachseminaren kolportierte) nun eine Unterrichtsmethode oder gedacht als Ersatz von jeglichem aktuell durchgeführten Unterricht?
      Ist die Neuronen-Metapher wirklich nur „handlungsinduzierend“ gemeint oder nicht doch irgendwie als Erklärungsmodell (sorry, Christian, aber es kommt bei mir leider genauso an wie bei Lisa)? Mir bleiben da starke Zweifel, zumal die Diskutanten sich da widersprechen. Und ist sie als handlungsinduziernende Metapher wirklich sinnvoll oder lediglich intellektuelle Spielerei?
      Ist Ldl nicht letztlich die Fortsetzung des Frontalunterrichts mit anderen Mitteln? Dazu habe ich schon einen Link von J.-P. bekommen, aber meine Zeit ist aktuell knapp bemessen… (zumindest, wenn ich meine Familie nicht ganz an den Rand schieben will 😉 )
      Habe festgestellt, dass ich wohl oder übel mal den Luhmann lesen muss, was ich als Bielefelder eigentlich sowieso pflichtgemäß schon längst getan haben sollte.
      egal, ob er mit ldl, nlp, psychologie, neurobiologie, humor oder feuer im herzen unterrichtet. wichtig ist, was (von ihm) rüberkommt und wie er seine schüler für das fach begeistert. Das von einem Ldler zu lesen, hat mich schwer beruhigt und auch erfreut.

    Das fürs Erste, mehr wird folgen, da bin ich sicher…

  34. @Hokey

    LdL ist eine „Metamethode“, die durchaus alle anderen Methoden „beherbergen“ kann, so auch Frontalunterricht. Aber: Gerade bei LdL werden die Schüler angehalten, nicht nur „Referate“ zu halten, sondern sich auf Aufgaben, Gruppenarbeiten, … für ihre Mitschüler zu überlegen. Insofern: Nein, LdL ist nicht Frontalunterricht mit anderen Mitteln. Und ja: Es ist als Ersatz gedacht, als grundlegende Philosophie. Und um einem Kritikpunkt gleich vorzubeugen: Nein, es handelt sich nicht um eine methodische Monokultur, sondern um eine Metamethode, die alle möglichen Methoden einschließen kann.

    Zur Neuronenmetapher: Ja, sie ist wirklich nur handlungsinduzierend gedacht. Ich weiß, dass sie häufig deskriptiv „rüberkommt“. Ich weiß aber auch nicht, warum. Wenn hier jemand weiterhelfen kann mit einer Info, was wir machen können, damit das richtig rüberkommt: Her damit! 🙂

  35. Lisa Rosa möchte in Blogs wissenschaftliche Diskurse führen. Blogs sind dazu nicht geeignet, weil sie die entwicklung von kohärenten Gedankengebäuden und die Einhaltung eines konsequenten kognitiven, wissenschaftlichen Stils nicht ermöglichen. Es vermischen sich immer wieder wisschenschaftlich gedachte Satzstränge und emotional gefärbte – oft als Vorwurf formulierte!:-))) – Einwände.
    Daher würde ich wissenschaftlich ambitionierten empfehlen, den normalen Weg (Promotion, Habilitation und wissenschaftliche Aufsätze) einzuschlagen und hier vorsichtiger mit dem Begriff „Wissenschaft“ umzugehen.

  36. Ich sehe, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe. Natürlich kann und soll man auch Blogs und Twitter benutzen, um wissenschaftlich zu arbeiten, insbesondere wenn man als aktionsforscher wirkt. Alle unseren Blogeinträge (zumindest die von Spannagel und von mir, wohl auch von Lisa Rosa) werden mit wissenschaftlicher Absicht verfasst. Aber der wissenschaftliche Diskurs selbst, also die wissenschaftliche Auseinandersetzung über die Methode und die Ergebnisse sollte an anderer Stelle stattfinden, beispielsweise in Wikis. Allerdings sollten dann alle Regeln der Wissenschaft eingehalten werden. In Blogs ist es nicht möglich, wie man an dieser und anderen – emotional gefärbten – diskussionen feststellen kann.

  37. Hier ist doch ein Artikel in dem LdL kritisiert wird
    http://wiki.zum.de/Kritik_an_LdL

    Ich denke, dass es sehr wohl möglich ist auf Blogs wissenschaftlich zu arbeiten. Auch die emotionalen Kommentare enthalten oft einen wahren Kern, der der These weiterhelfen kann. Besonders ein Vorwurf heißt doch: „Vorsicht, nachdenken! Hier hast Du etwas in einem Maße nicht berücksichtigt, dass es anderen Menschen komplett gegen ihre persönliche Erfahrung läuft und vielleicht sogar Ängste weckt“.

    Besonders den Weg „Promotion, Habilitation“ finde ich sehr inzestuös (dieser sollte inklusiver seiner Vorstufen „Hochschulreife, Hochschulabschluss“ aufgebrochen werden). Wissenschaftliche Aufsätze können auch in Blogs ihren Platz finden – sogar von Menschen, die sich autodidaktisch ihr Wissen erarbeitet haben und wenig bis keine formale Bildung besitzen.

    Dennoch könnte ich mir eine Erweiterung von Blogs auf technischer Ebene vorstellen, die es erlaubt aus den Kommentaren (sozusagen die Fußnoten) Erkenntnisse in den Artikel zurückzuführen und vielleicht sogar eine kleine Erkenntnis/Kritik-Datenbank in der Marginalspalte zur Verfügung zu stellen.

  38. @1000Sunny
    Das ist kein Artikel sondern es war nur ein Beitrag auf der Diskussionsseite von LdL in der Wikipedia. Und ich habe dort auch alle Punkte kommentiert und „entkräftet“.
    Ein wissenschaftlicher, kritischer Artikel über LdL wurde bisher nicht veröffentlicht.
    „Besonders ein Vorwurf heißt doch: “Vorsicht, nachdenken! Hier hast Du etwas in einem Maße nicht berücksichtigt, dass es anderen Menschen komplett gegen ihre persönliche Erfahrung läuft und vielleicht sogar Ängste weckt”.
    – Wissenschaftliche Artikel stützen sich auf Fakten, die analysiert und intepretiert werden. Vorwürfe können dazu führen, dass man bestimmte Aspekte wissenschaftlich untersucht, aber sie haben im wissenschaftlichen Text selbst nichts zu suchen.

    „Besonders den Weg “Promotion, Habilitation” finde ich sehr inzestuös (dieser sollte inklusiver seiner Vorstufen “Hochschulreife, Hochschulabschluss” aufgebrochen werden).“
    – Wissenschaft ist eine Profession wie jede andere. Die Minimalqualifikation ist die Promotion. In der Wissenschaft wird ein ganz spezieller Diskurs praktiziert. Daher stört es mich ein wenig, wenn man sich hier immer wieder auf die „Wissenschaft“ bezieht und dennoch keinen streng wissenschaftlichen Diskurs pflegt. Das ist irreführend. Das merkt man beispielsweise an deinem Hinweis auf die Kritik an LdL auf der Diskussionseite der Wikipedia. Diese Kritik ist nicht wissenschaftlich. Das würde ein qualifizierter Wissenschaftler sofort sehen. Ich bin ja voll und ganz für die Kommunikation zwischen Laien und Experten, aber wenn Laien Experten vorwerfen, sie seien nicht „wissenschaftlich“, dann ist es eine Umkehrung, die zumindest schmunzeln lässt.

  39. @Christian Spannagel
    zum Thema Differenzierung;
    „Weshalb sollte hier LdL sich irgendwie dazu verhalten? Das machen auch die anderen Methoden nicht. Wie verhält sich Projektunterricht zu LRS? Oder Frontalunterricht?“

    Ich sehe ein, dass eine Methode allein noch keine Förderung leisten kann, dass ich als Lehrer aber Differenzierungsmaterial und eben modifizierte Inhalte innerhalb einer gewählten Methodik bzw. mit deren Hilfe einsetze. Ich versuche, die verschiedenen Kinder (von Dyskalkulie bis Hochbegabung) zu berücksichtigen, zu fördern und zu fordern.

    Jetzt frage ich mich und Euch einfach nur, wie sich LdL dazu verhält, ob dieser Punkt berücksichtigt wird oder in euren Gruppen (Oberschüler und Studenten) sowieso irrelevant ist. Können alle Neuronen auf gleichem Niveau funktionieren, muss das überhaupt sein und wie wird mit einem möglichen wahrscheinlichen Ungleichgewicht (Hyper- oder Hypoaktivität) umgegangen?

    (Anmerkung: Habe den Kommentar der Lesbarkeit wegen bearbeitet, Hokey)

  40. Hm. Eigentlich hatte ich Antworten auf der Ebene meiner geäußerten Einwände erwartet. Jedenfalls habe ich solche Erwartungen in einer Diskussion. Nicht erwartet habe ich, dass ich stattdessen entweder auf „das schon Gesagte“ verwiesen werde – nun lies doch mal richtig, schau doch mal genau hin, beschäftige dich doch mal richtig damit usw. – noch darauf, Diss. oder Habil.Schriften lesen zu sollen, um meine Einwände beantwortet zu bekommen. Naja, gelingende Kommunikation ist eher unwahrscheinlich 😉

  41. @ Prof. Dr. Jean-Pol Martin: Eins kann ich mir doch nicht verkneifen, bevor ich mich hier zurückziehe. Vielleicht hast Du es noch nicht mitbekommen, aber selbst das Wissenschaftssystem geht schon lange nicht mehr von davon aus, dass zur Wissenschaftlichkeit und zur Wissenschaftsfähigkeit Diss. oder Habil. nötig wären. Bei diesen Teilen handelt es sich um Zertifikate, nicht um Kompetenzen. Es gibt durchaus Habilitierte, die man wissenschaftlich nicht mehr ernst nehmen kann und andererseits jede Menge Experten ohne Zertifikat, aber mit wissenschaftlicher Kompetenz. Deine Haltung erinnert mich ein bißchen an die Praxis im Kaiserreich: „Hamse überhaupt jedient? Nich? Dann könn se jar nich mitreden inne Politik!“ Und Dein Bestehen darauf, dass es noch keinen kritischen wissenschaftlichen Artikel zu LdL gibt: Was soll das heißen? Dass es also keine ernst zu nehmenden Einwände zu geben hat? Im Übrigen betrafen meine Einwände keineswegs LdL sondern diese „Neuronenmetapher“, die ja nun keineswegs zu LdL als Konzept gehört – es sei denn, man macht daraus eine Jean-Pol-Martin-Schule, die sakrosankt ist. Das wäre aber nun das letzte, was unter „wissenschaftlich“ gelten könnte. In keiner Diskussion bisher bist Du auch nur einmal auf meine Einwände eingegangen, sondern hast gleich mit wissenschaftsgesellschaftlichen Zertifikaten gewedelt als Ersatz für eine echte Diskussion – und dann immer gerne auch mit dem Vorwurf der Emotionalität. Ich bin ganz eine andere Diskussionsqualität gewöhnt – mit anderen Habilitierten. Für mich hat sich mein Eindruck bestätigt, meine Fragen haben sich hier implizit beantwortet.

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