Von Textbemalung und vom Referendariatshorrormeldungshorror

Zur Zeit reicht es leider oft nur für ungezielte Blogbeiträge, die mehr Kurzmeldungen gleichen, als wirklich gebloggt zu sein. Zum Bloggen zu wenig, für Twitter zu viel, könnte man sagen, und trotzdem muss ich es irgendwo loswerden. (Eigentlich muss ich deswegen viiiel längere Artikel schreiben, fachlich fundiert und mit massenweise Fußnoten, aber für heute spare ich mir das.)

Textbemalung
Denn eigentlich wollte ich nur darauf hinweisen, dass wir als Lehrer doch manchmal ad absurdum geführt werden mit unserem ganzen Methodengedeichsel. Da korrigiere ich gerade eine Klausur einer mir, was Klausuren betrifft, bis dato unbekannte Schülerin und knöpfe mir gewohnterweise als erstes deren Arbeitsblatt vor. Daran kann man ja schon einmal erkennen, wie intensiv sich die Schülerin mit dem Text beschäftigt hat. Und kaum halte ich besagtes Blatt in meinen Fingern, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken – es ist bislang das einzige Blatt, auf dem ich keine Spuren von Textmarker, Buntstift oder wenigsten Kugelschreiber erkennen kann. Erst bei genauem Hinsehen vermag ich zwei sehr dünne Bleistiftmarkierungen zu erkennen… dabei predigen wir doch immer die intensive Vorarbeit, das Markieren, das Farbspektakel, das Visualisieren, denn sonst kann das doch nichts werden. Ich wage den Blick in den Schülertext…

… und ein geschliffener Einleitungssatz führt mich schnurstracks zu Thema und der besten Deutungshypothese aller bislang durchgesehenen Klausuren. Darauf folgt ein klarer Text, nicht mängelfrei, aber deutlich über dem Niveau der vorangegangenen Texte inclusive einer einwandfreien und intelligenten Zitationsweise. Diese Schülerin führt das Mantra der vorbearbeiteten Texte kaltschnäuzig ad absurdum. Gefällt mir, obwohl ich meine Texte gerne farblich verziere und mir dieses eher hilft.

Referendariatshorrormeldungshorror
Etwas anderes, diesmal für die lieben Damen und Herren Referendare und Lehramtsanwärter: Glaubt nicht, was heuer im Spiegel steht. Nein, tut das nicht. Glaubt auch nicht jeden Horrorbericht, den Spiegel-Redakteure sich aus Referendar.de heraussuchen. Nein, glaubt es nicht. Oder glaubt zumindest nicht, dass das die Regel ist. Natürlich ist das Referendariat bisweilen stressig, natürlich ist es manchmal viel Arbeit, natürlich wird man oft beobachtet und bewertet, aber letztlich wird man daran nicht zugrunde gehen.

Besonders der ach so arg kritisierte eigenständige Unterricht war aus meiner Sicht viel befreiender als der angeleitete Unterricht unter Aufsicht, da man dort wirklich eigene Ideen und Konzepte erproben konnte. Und auch der angeleitete Unterricht bietet Vorteile: Die erfahrenen Lehrer sind ein hervorragendes Korrektiv für Unterrichtsbesuche, können auch im Alltag nützliche Tipps und Ratschläge geben und sind ein Fundus für Material und Ideen und Hinweise, was man tun und lassen sollte. Und wer – mit Verlaub – so blöd ist, dass er „bis in den frühen Morgen“ arbeitet, den halte ich für selber schuld, wenn er das Tagesgeschäft danach für überfordernd hält. Ich hatte und habe mir für Alltagsarbeiten eine Deadline gesetzt – bis dahin bin ich fertig, ansonsten könnte ich arbeiten, bis der Arzt kommt.

Und was soll man letztlich davon halten, wenn man den Absatz über die mangelhafte Uni-Ausbildung so einleitet:

Ihr Start ins Berufsleben nach knapp sieben Jahren Uni verlief holprig. „Ich wusste nicht einmal, wie ich im richtigen Tonfall die Klasse begrüße“, erinnert sich Gurk (…) (Spon)

Was erwartet man da jetzt von den Unis? Seminare mit dem Titel „Stimmbildung für Erstkontakt“? Spätestens da wird’s dann doch ein wenig lächerlich. Sollen die Professoren ihre Studis jetzt über die Klassenschwelle tragen, oder was? Es gibt eine Menge zu kritisieren an der Uni-Ausbildung (zum Beispiel haufenweise Didaktik-Seminare, die ohne Praxiserprobung sinnlos sind), aber was der Spiegel da betreibt, ist wieder reine Panikmache.

Lasst euch einfach drauf ein, begrüßt die Schüler unverkrampft und seid frohen Mutes. Gewiss gibt es Schöneres als ein Referendariat, aber umkommen werdet ihr darin nicht, und eure Familien und Freunde werden euch auch nicht verlassen.

8 Gedanken zu „Von Textbemalung und vom Referendariatshorrormeldungshorror

  1. Hallo Hokey,
    vielen, vielen Dank für diesen Artikel!

    Ich bin Referendarin im 2. Jahr und momentan mittendrin in den Prüfungen. Seit geraumer Zeit frage ich mich, ob ich irgendwas falsch mache- denn ich laufe nicht wie viele meiner Mitseminaristen mit Augenringen und schlechter Laune durch die Gegend, sondern versuche mir meine Zeit sinnvoll einzuteilen und das Referendariat gesund zu überstehen. Und ich habe sogar noch Freude dabei!

    Dieser Artikel bestärkt mich darin, auf dem richtigen Weg zu sein. Danke!

  2. Sehr schöner Beitragszwitter! Zu Teil A: Die Schülerin hat wohl alle Energie, die die anderen fürs Leuchtmarkern gesteckt haben, in ihre Analyse- und Formulierungskünste fließen lassen. Wohl dem, der’s so kanalisieren kann.
    Zu Teil B: „im richtigen Tonfall die Klasse begrüßen“ – das ist ja wirklich ein Knüller. Als ob es den idealen Tonfall überhaupt gäbe. Meine Güte. Ich wette, der Ärmste hat auch nicht beigebracht bekommen, in welchem Tonfall er seinen Sitznachbarn im Lehrerzimmer begrüßen soll …
    Fröhliche Grüße 🙂

  3. @Daniela
    Dann wünsche ich dir viel Kraft und Erfolg bei deinen Prüfungen! Durchhalten, danach wird’s besser!

    @rip
    Es ist eine Sie, aber das wird oben nicht ersichtlich. Ich schiebe es übrigens lieber auf den Spiegel, da ich ja nicht weiß, in welchem Kontext die Betreffende das gesagt hat. Vielleicht hat sie das ja schmunzelnderweise selbstironisch gesagt, aber der Herr Journalist eben dieses im Text „vergessen“. Ich traue denen keine fünf Zentimeter über den Weg…

  4. Schöner Beitrag.

    Ich habe als Schüler und Student auch zu denen gehört, die sich immer gefragt haben, wieso ich mit 4 verschiedenen Farbstiften einen Text durchforsten soll. Meine Textbearbeitungen kommen auch meist ohne aus. Ich denke, es ist wichtig, den Schülern diese Techniken als Möglichkeiten vorzustellen und ihnen zu helfen, sie zu erlernen und richtig anzuwenden. Ob sie einem dann wirklich helfen, kann man einem Oberstufenschüler dann zutrauen, selber zu entscheiden. Noten auf die Art und Weise der Tectmarkierung? Nein, danke.

    Zum zweiten Teil:
    Ich habe den Spon-Artikel in der Bahn auf dem Rückweg vom motivierenden EduCamp gelesen und war auch ziemlich geschockt, weil ich merkte, wie ich Gefahr laufe, durch so etwas in meiner euphorischen und positiven Grundhaltung, die ich morgen wieder mit in die Schule nehmen wollte, gedämpft wurde. Das ist schade.
    Auf der anderen Seite brauchen wir aber diese Rückmeldungen, die einerseits den Mitreferendaren, denen es nicht so gut im Referendariat ergeht zu zeigen, dass es nicht immer an ihnen selber liegt, sondern manches auch strukturbedingt ist, und die andererseits Ansatzpunkte für Verbesserungen aufzeigen. Ob dies nun in dem reißerischen Ton und bei spiegel-online geschehen muss, würde ich auch in Frage stellen wollen.
    erschreckend finde ich allerdings, wie selten es mir gelingt, Kollegen zu finden, die positiv und begeistert von ihrer Referendariatszeit berichten. Meine Frage, ob jemand gerne wieder Referendar sein würde, wurde bisher von 3 Kollegen positiv beantwortet. Während die Frage, ob man gerne mal wieder Schüler, Student sein wolle auf viel mehr Gegenliebe stößt. Irgendwas muss da also sein, dass das Referendariat noch über so lange Zeit (bis hin zur Pensionierung) in einer so komischen Erinnerung belässt.

  5. Da stimme ich dir zu: Man muss die Lehrerausbildung in Deutschland da kritisieren dürfen und sollen, wo man es für nötig befindet. Deshalb sind Referendarsblogs auch so wertvoll. Aber dass die Medien das Referendariat andauernd, wie unlängst hier in der Süddeutschen, als „schlimmste Zeit meines Lebens“ darzustellen, halte ich für reißerisch. Nun ja, irgendwo müssen die Klicks ja herkommen und Superlative machen sich in Schlagzeilen nun mal besonders gut.

    Eine Wiederholung des Referendariats bräuchte ich persönlich auch nicht. Ist halt nicht besonders schön, wenn der ganze, im Wesentlichen schon vollendete Lebensentwurf an jämmerlichen anderthalb Jahren hängt. Und in einem Fall habe ich da auch große Ungerechtigkeit gesehen, das war nicht schön.

    Wie auch immer. Bundeswehr fand ich schlimmer.

  6. „Was erwartet man da jetzt von den Unis? Seminare mit dem Titel “Stimmbildung für Erstkontakt”? Spätestens da wird’s dann doch ein wenig lächerlich. Sollen die Professoren ihre Studis jetzt über die Klassenschwelle tragen, oder was?“

    Wer den Teufel an die Wand malt…

    http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,608093,00.html

    (Das Seminar hat sicherlich andere Schwerpunkte, aber als ich oben zitierten Absatz gelesen habe, musste ich halt spontan dran denken.)

    Ansonsten: Schöner Artikel, sowohl Teil 1, als auch Teil 2.

  7. Pingback: Die faulen Tage sind vorbei! « Frau Ella wird Lehrerin

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