Den Franken näher

Ausgerechnet in der Klasse, in der es in Sachen Disziplin am schwierigsten ist, habe ich einen Geschichts-Fan gefunden. Die Bio-Lehrerin steckte mir, dass eine Schülerin nach der Bio-Stunde meinte, Geschichte sei ihr Lieblingsfach. Strike! Sehr erfreulich, aber vor allem erstaunlich, weil diese Schülerin noch nicht allzu lange in Europa weilt und mich so das Interesse an europäischer Geschichte ein wenig wunderte. Doch im Gegenteil, trotz des sie persönlich nicht betreffenden Themas „Das Christentum als Säule des Mittelalters“ ist sie hochinteressiert. Denn das Nichtbetroffensein ist nur scheinbar nicht vorhanden.

„Da treffen zwei Kulturen aufeinander!“, sagte sie heute in einer Stunde, die sich mit der Missionierung des Frankenreiches beschäftigte, und ich stutzte für eine Sekunde, denn wir hatten bisher eigentlich nicht von „Kulturen“, sondern von „Heiden“ und „Christen“ gesprochen, brav, so wie es auch im Buch steht. Doch natürlich hatte sie recht und genau da lag (und liegt) auch ihr Lebensweltbezug zum Thema „Christianisierung“: Fremde Kulturen prallen aufeinander. Ein Erlebnis, das jemand, der von einem anderen Kontinent, mit anderer Religion und anderen Wertesystemen nach Deutschland gekommen ist, offensichtlich sehr gut nachvollziehen kann. Sie ist den alten Franken vermutlich näher als wir eingeborene Europäer.

7 Gedanken zu „Den Franken näher

  1. „Heiden“ aber nur in den Quellentexten oder?

    Mit der Hoffnung auf diesen Effekt habe ich an einer Schule in einem sog. „Problemstadtteil“ Kreuzzüge unterrichtet und nur müdes Schulterzucken geernetet. Was Du berichtest klingt gut. Welche Stufe?

  2. Nein, in den Verfassertexten. Finde ich als Sammelbegriff angemessener, als den SuS erst einmal politisch-korrekt die Vielfalt der germanischen Religion aufzudröseln. Und ob wir von „Heiden“ oder „Nicht-Christen“ sprechen – das sehe ich offen gesagt nicht so eng. Im Kontext des Römischen Reiches thematisieren wir auch die „Barbaren“, ohne gleich ob der abfälligen Bedeutung das begriffsgeschichtliche Grausen zu bekommen…

    Auf die Kreuzzüge bzw „Städte im MA“ freue ich mich deswegen schon, weil ich da noch schönes Material zur islamischen Stadt habe. Ist eine siebte Klasse.

  3. @Hokey – ich meine, dass der Begriff „Heide“ schon etwas problematischer ist, als du das hier darstellst, und gehe mit Marc d’accord, was ich gerne etwas weiter ausführen möchte.

    „Heide“ ist keine neutrale Bezeichnung der Religionszugehörigkeit, die zwischen Christen und Nichtchristen differnziert, bzw. etwas präziser die Menschen außerhalb der abrahimschen Religionen bezeichnet. Der Begriff ist beladen, was dir auch bewusst ist, weil du auf das Analogbeispiel der Barbaren verweist.

    Ich sehe da allerdings einen Unterschied. „Barbaros“ ist ein antiker Begriff, der heutzutage noch metaphorische Bedeutung trägt, und mittlerweile ähnlich wenigend beleidigend wirkt wie die schöne alte deutsche Beschimpfung „Schelm“. Wenn mich jemand einen Barbaren schilt, schüttele ich bestenfalls konsterniert den Kopf – auf konkrete Menschen bezogen, ist es kaum möglich, den Begriff zu verwenden, ohne dass er ironisierend wirkt. Man hat dann da immer Conan den Barbaren, Hörnerhelme und Metfässer im Kopf…

    Der Begriff „Heide“ hat dagegen ein Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart hinein, in den entsprechenden Kreisen ungebrochen. Das Wort ist ein umfangreiches Konnotationsnetz eingebunden – es beginnt damit, dass es eine Ausgrenzung definiert „wir und ihr“, „Gläubige und Ungläubige“. Es trägt aber auch eine kulturelle Abwertung: ungebildete Heiden müssen mit den Früchten der Zivilisation vertraut gemacht und bekehrt werden. Deswegen braucht man Missionsschulen, in denen die kleinen Heidenkinder „gerettet“ werden müssen, was auch zum Begriffsfeld gehört. Heiden sind Wilde, denen der weiße Mann erst einmal die Zivilisation beibringen muss – „the white man’s burden“ bis gut in die 50er Jahre hinein.

    Ich kenne nun deinen Ausgangstext nicht und weiß nicht, wie der Begriff da verwendet wird, wahrscheinlich völlig undramatisch. Aber ich denke, man sollte diesen Begriff reflektiert verwenden; man könnte sich sonst ziemlich leicht unabsichtlich in eine ungute Tradition des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts stellen. Ich rede ja auch nicht von „Negerhäuptling“, wenn ich auf einem Bild den Würdenträger eines afrikanischen Volkes in traditioneller Amtstracht sehe. Ich denke auch, dass das ohne politisch korrekte Verkrampfungen geht, die ich wahrscheinlich genauso sprachplump empfinde wie du. Aber in Zeiten in diesen, in denen momentan die katholische Religion wieder ihr Potenzial zu fundamentalistischem Extremismus zeigt und eine allgemeine Rückwärtsbewegung zu vorrationalen Denkformen zu beobachten ist (15% der angehenden Biologie(!)lehrer zweifeln an der Evolution!), meine ich das Vorsicht im Umgang mit Sprache angebracht ist.

    Just my 2c.

    Nele

  4. Hi Nele,
    Du hast recht: Begriffliche Unschärfen sollten wir als Lehrer vermeiden, gerade als Geschichtslehrer, weil manche Begriffe, unreflektiert verwendet, ungünstige Langzeitwirkungen mit sich führen können, insbesondere bei solch asymmetrischen Dualismen wie „Christen“ und „Heiden“. D’accord, ich werde beim nächsten Mal genauer hinschauen.

    Der begrifflichen Ausgrenzung jedoch entgehen wir nicht, egal, welchen semantischen Spagat wir hinlegen. Neutrale Begriffe gibt es meiner Ansicht nach nicht. Und ich würde es auch als falsch erachten, so zu tun, als hätte es diese Ausgrenzungen nicht gegeben, und zu suggerieren, es würden sich Gleiche auf Augenhöhe begegnen, wie wir es zumindest versuchen, wenn wir von „Christen“ und „Nicht-Christen“ sprechen, denn gerade diese Asymmetrie wird das ganze Mittelalter hindurch die Wahrnehmung des Fremden mitbestimmen, wir werden spätestens bei Kreuzzügen und Hexenverbrennungen darauf zurückkommen. Und wie sollen wir später mit unseren Schülern Begriffe wie „Heidentum“ reflektieren, wenn sie diese nicht kennengelernt haben bzw. nur in ihrer politisch-korrekten Form (die ja auch immer nur eine vorläufige ist)?

    Diese Ausgrenzung nicht in den Unterricht mit hineinzunehmen oder dort gar zu transportieren, das ist allerdings wichtig. Daher hätte ich in der Tat den Begriff deutlicher reflektieren müssen.

    Nebenbei: Ich kenne übrigens recht gut „entsprechende Kreise“, die vehement Kreationismus und Intelligent Design propagieren – aber „Heide“ ist kein Begriff, den man dort verwendet. Wie es in Kreisen reaktionärer Katholiken aussieht, weiß ich nicht, aber „Heide“ ist auch kein Begriff, der mir im publizistischen Alltag oder gar „auf der Straße“ begegnet.

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