Für das Fach muss man begeistert sein!

Ja, so schmettert man es Lehramtsstudierenden und Referendaren entgegen! Ausbilder, Kollegen und Dozenten trompeten es immerfort: Für das Fach müsst ihr brennen! Für das Fach!

Zuletzt durfte ich diese Credo in der Uni vernehmen, wo ich gemeinsam mit einer Referendarskollegin einem Deutschdidaktik-Seminar das Referendariat in seinen Stärken und Schwächen nahebringen durfte. In der kurzen Vorbesprechung vor Beginn des Seminars wies uns die Dozentin darauf hin, dass man dieses doch bitte den Studierenden mitgeben sollte: Man müsse für das Fach begeistert sein, sonst habe das alles keinen Sinn. Vielen würde man schon aufgrund der Fächerwahl anmerken, dass sie diese eher andere Motive hätten. Welche das wären und wie die Dozentin das erkennen konnte, vermochte ich nicht nachzuvollziehen, doch nach unserer Vorstellung würde dann die Rauin-Studie Thema werden, Lehrermotivation, Lehrergesundheit, natürlich auch die Schaarschmidt-Studie. Ick hörte die Nachtigall dahertrappsen, meine Position zur Gebetsmühle Rauin-Studie ist hier dokumentiert. Ich sah es nicht als meine Aufgabe, lebendiges Schreckgespenst für vermeintlich ungeeignete Studierende zu spielen.

Das Thema „Begeisterung für das Fach“ fiel dann anderen Themen zum Opfer. Im Eifer des Gefechts konnte das Mantra von der fachlichen Begeisterung nur noch als Dozentenschlusswort seinen Platz finden – eigentlich schade, denn ich hätte das schon gerne mit den Studierenden diskutiert, weil ich nicht wirklich überzeugt davon bin.

Vorab: Da ist natürlich etwas dran. Ohne fachliche Grundmotivation und das Interesse, sich fachlich weiterzuentwickeln, kann niemand auf Dauer einen versierten, fundierten und abwechslungsreichen Unterricht machen. Soweit haben die Apologeten der fachlichen Begeisterung recht und ich stimme ihnen aus vollem Herzen zu. Nur, dass sie diese allzu oft zum alleinigen Maßstab zu machen scheinen, und da kann ich dann nicht mehr folgen, da bleibt mir eine andere Begeisterung einfach zu schnell auf der Strecke: Die Begeisterung jungen Menschen neue Gegenstände zu vermitteln, die Begeisterung neue Denkanstöße zu geben, die Begeisterung aus der Oberfläche Tiefe zu machen, die Begeisterung Langweiliges interessant zu machen, schlicht gesagt:  die Begeisterung zu lehren.

Ich erinnere mich eines Referendars, eines Harvard-Studenten mit zwei Mangelfächern, der nach einem Jahr die Brocken hinwarf: Das Unterrichten war nicht seines. Ich sehe Fachleiter, die wegen ihres immensen fachlichen Anspruchs geschätzt und geachtet sind, aber offensichtlich Begeisterung für die Menschen um sie herum vermissen lassen, das Lehren als notwendiges Übel zu begreifen scheinen. Da ist viel Begeisterung für das Fach, doch was nützt’s, wenn’s an der Begeisterung zum Lehren mangelt? Wie erreiche ich Schüler, wenn mich deren mangelnde Begeisterung für mein (tolles, einzigartiges, begeisterndes) Fach mich nervt?

Beides braucht man notwendigerweise, aber wenn ich offen sein soll, dann glaube ich, dass die Begeisterung zu lehren die wichtigere von beiden ist.

12 Gedanken zu „Für das Fach muss man begeistert sein!

  1. Eine ueberspitzende verbale Entgleisung unlaengst von mir vor meinem Englisch LK getaetigt passt hier ganz gut: I don’t really care what your English is like when you finish this school; what I care about is that you leave here as decent and respectable persons.

    Gruss,
    Claudia

  2. Ohne Begeisterung am Fach auch keinen Begeisterung zu lehren. Wie soll ich etwas gut vermitteln, wenn ich nicht wirklich davon überzeugt bin? Diese Schulform verlangt Inhalt und Pädagogik.

  3. Ich geben Hokey völlig recht, es ist beides wichtig. Was die offiziell immer wieder geforderte „Begeisterung für das Fach“ eigentlich heißen soll, kann ich nur vermuten. Ich vermute (und argwöhne) Folgendes:

    a) Diese offiziell geforderte Begeisterung fürs Fach (OGBFF) schließt schon die Freude am Lehren mit ein; so genau nimmt man’s damit nicht.

    b) Den eigentlichen Kontrast zur OGBFF, den man ihretwillen vergessen soll, bilden die Verhältnisse des Lehrberufs. Man soll also die oft unbefriedigende Anstellungs- und Beförderungssituation, die Mängel in der Ausstattung der Schule, den täglichen Ärger um bürokratischen Klein- (und Groß-) Kram vergessen, DENN man hat ja die BFF.
    Das meint wohl die Seminarleitung. 😉

  4. Natürlich gehören Inhalte dazu – keine Frage. Jedoch bedeutet BFF (um die Abkürzung mal aufzugreifen) nicht zwangsläufig, _alle_ Inhalte zweckgemäß und gut zu vermitteln. Diese Begeisterung drückt sich doch auch oft in der Begeisterung für wenige, einzelne Themen. Diese stellen aber nur einen kleinen Teil des Schuljahres dar, werden aber sehr begeistert und engagiert unterrichtet und die anderen Themen „müssen halt gemacht werden“. Das haben die meisten selber in der Schulzeit erlebt, er zeigte sich in der Uni und dann wieder in der Schule. Und die Schnittmengen zwischen Studium und Schule bzgl. des Inhaltes halten sich dann auch sehr in Grenzen.
    BFF und Inhalt sind meiner Ansicht nach also nicht zwangsläufig deckungsgleich. (BTW: Begeistert kann man dann auch von Dingen sein, die man selber nicht weiß/kann/… )

    Gehören Pädagogik und Inhalte gleichberechtigt zusammen, dann frag ich mich, warum beispielsweise in Berlin der Pflichteil des Studiums (Staatsexamen) aus etwa 16h Pädagogik und fast 160h reine Fachwissenschaft (Inhalt) ohne jeglichen pädagogischen Hintergrund (meist auch der Dozenten) besteht. Willkommen, ihr Fachidioten? Bei Ba/Ma ist es sogar so, dass sie nur noch ein einziges Praktikum im Studium machen.

    Das sind dann ein paar wenige Stunden (8-12 x 45min) unterrichten und daraus sollen sie lernen, wie man sein gesamtes zukünftiges Leben Kinder und Jugendliche unterrichten? Oder sollen sie es sich anlesen? Oder danach im Referandariat, wo man voll als Lehrer eingeplant (mit weniger Stunden), aber ohne das jemand mit drin sitzt und auf Grund der Erfahrung kluge Ratschläge gibt? Die Stundenermäßigungen wurden schon vor Jahren gestrichen.

    Fragen die sich mir stellen:
    -Unistoff ist nur zum Teil nötig, geht aber meist über das Benötigte hinaus -> reicht doch Abiniveau?
    -Pädagogik ist nur so eine gewollte Randerscheinung. Der Kreis aus pädagogisch überforderten Lehrern und schlechtem Unterricht wird wissentlich forciert?
    -Soll BFF nur dazu da sein, über die anderen Mängel hinwegzutäuschen und somit noch einen Rest Motivation übrig bleibt? (BFF – Mängel > 0)

    Andererseits ist die Dozentin auch zu verstehen. Zu wenig Lehrer und ein absehbarer Lehrermangel in Zukunft – Da sollte man schon versuchen, die restlichen zu halten. Und mit Verweis auf die verlinkte Studie: Auch von denen brechen offenbar noch recht viele ab…

  5. Dass ich BFF für sehr wichtig halte, liegt wohl daran, dass mir dessen Fehlen am ehesten und bei zu vielen Kollegen auffällt. Aber natürlich kann man BFF sein und dennoch ein schlechter Lehrer – Lust am Lehren gehört dazu. Keine Frage. Das Fehlen dessen fällt mir seltener auf, vielleicht, weil es seltener Gesprächsthema ist, und weil man sich dessen eher schämt.

    „Unistoff ist nur zum Teil nötig, geht aber meist über das Benötigte hinaus -> reicht doch Abiniveau?“

    Nein. Zum einen kann das Niveau – bei Facharbeiten etwa, vor allem in den exakteren Wissenschaften – sehr hoch werden. Zum anderen sorgt die wissenschaftliche Ausbildung der Lehrer auch dafür, dass sie eine Chance auf einen Beruf haben, wenn man sie nach dem 2. Staatsexamen vor die Tür setzt. Im Moment sind ja goldene Zeiten, aber vor zehn Jahren (und in zehn Jahren wieder) wurde ein sehr geringer Prozentsatz der Lehrer übernommen, der Rest musste sich anderswo etwas suchen. Wenn ich nur auf Abiniveau ausgebildet bin, bringt mir das dann wenig.
    Am wichtigsten ist mir jedoch etwas, das ich am schwersten begründen kann: Um Schülern zu zeigen, dass mehr hinter einem Fach steckt, als im Abi verlangt wird, muss ich mehr wissen. Um begründete Zweifel zwischen zwei konkurrierenden Modellen säen zu können (Grammatiken etwa), muss ich in beiden Modellen firm sein.

  6. Fachliche Begeisterung hin oder her: Der Lehrer unterrichtet zuerst Schüler und erst in zweiter Linie (s)ein Fach. Fülle und Tiefe der pädagogisch-didaktischen Kompetenz des Lehrers sind entscheidend für den Lernerfolg der Schüler. Oft genug erweisen sich Fachgrenzen angesichts der Komplexität der „Bildungsgüter“ geradezu als Lernbehinderung.
    Für guten Unterricht habe ich u.a. 10 Prüfsteine entwickelt:
    http://www.bildungswirt.de/2008/09/18/135

  7. Oha!? Ich dachte, jetzt fliegen mir die Steine ins Blog und nix is‘! 😉

    Ich finde, dass die universitäre Ausbildung auch in den… ähm… nicht-exakteren Wissenschaften wichtig ist. Alleine für die Reihenplanung eines LK 13 zu Christa Wolfs Kassandra wäre ich wohl aufgeschmissen, hätte ich nicht hervorragende Seminare besucht, in denen uns ein begeisterter Dozent Wilhelm Raabe strukturalistisch vorgeführt hätte. Wir müssen ja schon über die unterrichtlichen Inhalte hinausdenken können, selbst wenn wir sie nicht so im Unterricht behandeln werden.

    Ich habe manchmal den Eindruck, BFF ist eine Floskel oder vielmehr eine Killerphrase, der man eigentlich nur zustimmen kann, und das ärgert mich. Das prangere ich an! 😉

  8. Ein sehr weiser Blogbeitrag mit Kommentaren, die einen weiter bringen. Herzlichen Dank für den Anstoss, Hokey.

    Ich sehe die Gefahr, dass die Liebe zum Fach zur Killerphrase verkommt genau so – und zur Ausrede auch. Wenn es ein Problem mit einer Lehrperson gibt, die bekanntermassen für das Fach brennt, wird das Problem gern den Schülern zugeschoben, selbst wenn die Schüler Unterlassungen kritisieren, vor denen auch fachliche Begeisterung nicht schützt, z.B. dass der Unterricht nicht zielorientiert sei oder die Aufträge unklar.

    Ich weiss nicht, wie es am Gymnasium ist, aber an einer Berufsfachschule vermittelt man höchstens 10-20% von dem was man als Lehrer – super-begeistert und immer auf dem neusten Stand wie man ist – selber kann. Der Rest der lehrerlichen Leistung ist Methodik, Didaktik, Praxisbezug, Sozialkompetenz, Selbstkompetenz, der nackte Fleiss.

    Meine Schulleiterinnenstatistik zeigt leider, dass 80% der Fälle, wo zwischen Lehrern und Schülern Probleme entstehen, die auf meinem Tisch landen, nicht das fehlende Fachwissen oder die fehlende Begeisterung für das Fach die Ursache sind, sondern die Art der Vermittlung. Wenn ich die Wahl zwischen einem Begeisterten, der sein Fach über alles liebt und und einem simplen Könner habe, der sich aber für die Azubis und ihre Realitäten interssiert, werde ich für den Könner entscheiden. Was nie eine Alternative ist, sind Leute, die ihr Fach nicht beherrschen, das ist ja klar.

  9. Interessante Diskussion! Herr Rau spricht mir aus der Seele. Und die Kommentare machen auch mal wieder klar, dass man die verschiedenen Schulformen nicht über einen Kamm scheren kann.

  10. Und die Kommentare machen auch mal wieder klar, dass man die verschiedenen Schulformen nicht über einen Kamm scheren kann.

    Da gebe ich Dir prinzipiell recht, aber den Zusammenhang verstehe ich gerade nicht. Wie meinst Du das? Die Schulform hat doch bislang keine Rolle gespielt (oder habe ich etwas überlesen)?

  11. Danke für den schönen Beitrag! Ich sehe es ganz genauso: Die Profession des Pädagogen ist nicht sein Unterrichtsfach, sondern er muss sich als Experte (und das wird man überall nur mit Leidenschaft) von Lernprozessen verstehen. Leider ist die Lehrerbildung noch nicht danach, zu solchen Experten auszubilden.
    Andererseits muß noch etwas hinzukommen: Man muss selbst mit Begeisterung lernen – wie sonst sollte man Begeisterung dabei empfinden können, anderen beim Lernen zu helfen?
    Und Lernen ist nie abstrakt. Lernen bezieht sich immer auf einen Gegenstand. Den kann man aber auch verallgemeinert – vom Fach weg – als gesamte Realität bezeichnen. Die Realität ist aber auch nichts abstraktes, sondern immer konkret. Und kein Mensch interessiert sich – auch noch mit Begeisterung – für alle Aspekte der Realität. Ich interessiere mich für Denken und liebe es, anderen dabei zu helfen, denken zu lernen. Ich interessiere mich überhaupt nicht für ein FACH sondern für historisch-politische Gegenstände und Denk- und Lernprozesse. (Und diese sprengen fast immer die sogenannten FACH-Grenzen.) Und eigentlich steckt dahinter ein Interesse an der Entwicklung von Menschen.
    Aber eins ist richtig: Ohne eigene Leidenschaft (Flowerlebnis) bei Lern-, Denk-, oder einer anderen Tätigkeit (z.B. Sport machen, kochen, handwerken) geht nichts. Wer das mit seiner Person nicht an bestimmten selbstgewählten Gegenständen vorführen und ausstrahlen kann, wird kein Pädagoge sondern Langweiler oder gar Zyniker von Beruf.

  12. “ Die Schulform hat doch bislang keine Rolle gespielt (oder habe ich etwas überlesen)?“

    Ich glaube, Kerstin hat schon weiter oben daraufhin gewiesen, dass an ihrer(?) Schulform Inhalte und Pädagogik gefragt sind. Was braucht man denn in anderen Schulen? Sind die nur betreutes Wohnen? Haben die Schüler kein Recht an den „hohen Bildungsgütern“ teilzuhaben? Naja, ich will nicht zu polemisch werden- aber: Diese ganze Schulformendiskussion mit unbedingtem Festklammern am Gymnasium ist doch bescheuert. Noch bescheuerter ist meiner Meinung das Herumreiten auf der Fachwissenschaft, mit dem Ende, dass angeblich Germanisten und Anglisten an der Schule unterrichten. Warum kann man nicht einfach Lehrer sein? Oder ist das nicht genug?

    Oder ist es nicht vielleicht doch so, das viele dieser „Fachliebhaber“ eher den Versorgungsstatus als Beamter gewählt haben als die Schüler?

    Entschuldigung für meine längeren, vielleicht nicht unbedingt zum Thema gehörenden Ausführungen, ich bin nur immer enttäuscht, wie viele Lehrer am Gymi auf die anderen hinabschauen.

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