"1871 war Reichsgründung"

Da war ich erst mal baff. Das saß wie eine Ohrfeige. In einem Aufwasch hatte der junge Mann mir meine Vorurteil vor Augen gehalten und von der Backe geputzt. „1871 war Reichsgründung“, hatte er gesagt, „Und 1914 war der Erste Weltkrieg, da haben die Franzosen Elsass-Lothringen zurückgewonnen.“

„Soso…“, hatte ich gestaunt. Verblüfft, war es doch der gleiche junge Mann, der mich vor wenigen Minuten im Bus noch dazu animieren wollte, ihm die Beat-Box zu machen, während er den „Senne-Rap“ zum Besten geben wollte, bevor ihn eine junge blonde Frau davon abbringen konnte.

„Das ist meine Lehrerin“, meinte er, als sie außer Hörweite war, „Ist ’ne hübsche Lehrerin. Von zehn Punkten gebe ich 8.5. Figur 8 Punkte, Brust 2 Punkte. Soll ich sie mit Ihnen…“ Er zwinkerte mir eindeutig zweideutig zu. Mein Ringfinger rettet mich. Wie sie denn im Unterricht so sei? „Och…“, klang es da, der Slang der dritten Generation unverhörbar, „… so ungefähr ’ne Drei. Ich hab‘ auch nur ’ne Drei minus, hätte sie mir eine Eins gegeben, hätte sie auch ’ne Eins… HEY!“

Ein „Grundschulkumpel“ hat den Bus betreten, die beiden unterhalten sich über irgendwen, der irgendwem mal „übelst“ eins auf die Mappe gegeben hat. Um mich herum sitzen im hintersten Teil des Busses lauter Hauptschüler, alle auf dem Weg nach Hause. Einige, darunter mein junger Beat-Box-Freund, sehen aus als kämen sie vom Sport, da sie Trainingskluft tragen, doch während ich ihre Outfits vergleiche, merke ich, dass das ihre Alltagskleidung ist.

Der Beat-Box-Junge trägt eine Jogginghose, darüber eine Trainingsjacke und ganz obenauf eine Schirmmütze, mit der er immer wieder aufs Neue seine kurzen schwarzen Haare verwuschelt. Die Jogginghose ist an einer Stelle genäht, unwillkürlich schießen mir die Nachkriegsgeschichten aus den Büchern meiner Großeltern durch den Kopf, in denen immer wieder die arme, aber gute, Mutter ihrem Jungen Flicken auf die Hose näht, für die er dann verspottet wird.

Mein Gegenüber wird nicht verspottet, er scheint eher der Anführer zu sein. Die beisitzenden Mädchen kichern, wenn es sein muss, sie staunen, wenn es sein muss, sie bewundern, wenn es sein muss. Die Jungs machen einen auf dicke Hose und der Grundschulkumpel präsentiert sein nacktes Handy-Hintergrundbild, bevor sie daran gehen, sich über die Fettleibigkeit und Oberweite gemeinsamer weiblicher Bekannter herzumachen.

„Sind Sie auch Lehrer?“, fragt er, nachdem der Kumpel ihn an einer Haltestelle verlassen hat. Meine Tasche entlarvt mich. Nach Nennung der Schule kurze Spekulationen, welche Grundschule das sein könnte, bis jemand ihn mit, wie ich finde, leicht gerümpfter Nase aufs Gymnasium bringt.

Sein Blick verschließt sich nicht. Dass ich jetzt rausmüsse, teile ich mit, was zu großen Augen um mich herum führt. „Sie wohnen hier?“ Ja, ich steige tatsächlich aus, nebst einiger der Schüler, die sich von ihrer Lehrerin verabschieden, und schwinge mir die Tasche um die Schulter. „Welche Fächer unterrichten Sie?“

„1871 war Reichsgründung“, erklärt mir der junge Türke, nachdem er herausgefunden hat, dass ich Geschichte und Deutsch unterrichte. Ein türkischer Hauptschüler, der das Datum der Gründung des deutschen Kaiserreiches kennt und mich in groben Zügen über den Werdegang Elsass-Lothringens aufklärt. Geschichte mache ihm Spaß, seine Lehrerin sei gut, weil sie streng aber fair sei – und sie könne gut erzählen. Seine Schulkollegin bestätigt das, Unterricht bei dieser Lehrerin mache viel Spaß, und sie brauche nie jemanden rausschicken oder ins Klassenbuch eintragen. Sie wolle, dass alle den 10B-Abschluss erreichen.

Unsere Wege trennen sich an meiner Wohnungstür. Wortfetzen aus kürzlich abgehaltenen Zeugniskonferenzen schwirren durch meinen Kopf, und ich frage mich, warum wir ohne Not Potential einfach verschenken.

12 Gedanken zu „"1871 war Reichsgründung"

  1. Schöne Reportage – man beneidet unwillkürlich die Geschichtslehrerin, die so gut erzählen kann, dass Geschichte in der Hauptschule Spaß macht.
    Ist das eigentlich dieselbe, die im ersten Drittel des Textes eine drei minus vom Rapper bekommt?

  2. Ich schließe mich an, eine schöne Geschichte. Die mich zur Vermutung führt, dass das erzählen am Gymnasium einfach sträflich vernachlässigt wird, obwohl es doch einen guten (und auch fachdidaktisch anerkannten btw) Zugang zu Geschichte bietet. Mir fällt das auch schwer, bzw. ich habe das nie gelernt, merke aber, wie die Schülerinnen und Schüler einen sechsten Klasse das Vorlesen (leider nur) von römischen Sagen zu Beginn der Stunde einfordern. Und dabei einerseits von der Pause gut in den Unterricht zurückfinden, aber auch immer ein Stück Mentalität Roms mitnehmen.

  3. @rip
    Ich glaube nicht, aber ich bin mir nicht sicher. Zumindest hat er das nicht erwähnt.

    @Tobi
    Es gibt auch keine Moral. Das Ganze ist einfach passiert und das Leben strebt nicht nach Moral. Aber zum Nachdenken hat mich diese Situation schon angeregt, denn wenn mir vorher jemand erzählt hätte, dass ein türkischstämmiger Hauptschüler das Datum der Gründung des Deutschen Kaiserreiches kennt und von der Existenz Elsaß-Lothringens weiß, dann hätte ich ihn für verrückt erklärt.

  4. Jaja, solche Lehrer hatte ich auch. Die wollten das die Schueler was erreichen und weiterkommen. Die ham den Unterricht so gestaltet, dass es _jedem_ spass gemacht hat und auch jeder mit gemacht hat.

    Alles in allem doch sehr schoen zu lesen. Vor allem das mit dem türkischstämmiger Hauptschüler den Deutsche Geschichte interessiert, was an meiner Schule schon ein Wiederspruch in sich war.

  5. Reichsgründung, Elsass-Lothringen, WK I – sag mal, sind das nicht etwa Fragen aus der neuen Einbürgerungsprüfung??? Oder wieso erzählen (Dir) die Jungs im Bus was über ihr Geschichtswissen? Ich rätsele über die Vorgeschichte Deiner schönen Erzählung …

  6. Puh, eine gute Frage. Ich weiß es nicht, der junge Mann machte eher den Eindruck, hier geboren zu sein, was natürlich nicht heißt, dass das Thema nicht für andere Schüler seiner Klasse eine Rolle spielen könnte. Wäre natürlich schön, wenn die Lehrer so schnell auf die tagespolitischen Flausen reagierten.

  7. @Lisa Rosa und Christian:

    Der Junge hat doch erklärt, daß ihm Geschichte Spaß macht – das reicht doch schon um zu verstehen, warum er Dinge weiß, die andere Hauptschüler nicht wissen …?

    Das mit der Einbürgerungsprüfung ist schon wieder so ein typisch lehrerhaftes Schlechtdenken (Entschuldigung, ich will hier niemanden angreifen, aber das schoß mir sofort durch den Kopf).

    Ich bin selber schon ein Fossil auf solchen Blogs, schätze ich … aber auch ich hatte sowohl eine Geschichts- als auch eine Mathelehrerin (in der Oberstufe Gymnasium), die Unterricht so machen konnte, daß er einfach Spaß gemacht hat! Und das fanden andere Mitschülerinnen auch – eine sagte bei unserem 25-jährigen Nach-Abi-Treffen, daß sie nur wegen dieser Lehrerin LK Mathe genommen hatte, vorher hätte sie es nie richtig gut gekonnt, andere, die sonst nur Fünfen hatten, haben bei ihr Zweien und Dreien gehabt. Und bei der Geschichtslehrerin war ich immer pünktlich in der ersten Stunde (ansonsten immer zehn Minuten zu spät), weil ich nichts versäumen mochte. Sie konnte auch Geschichte erzählen, spannend wie Romane, und sie war auch etwas streng (zumindestens empfanden wir sie so – ihre Abiturprüflinge hat sie dann sogar zu sich nach Hause eingeladen, zum Lernen und gemeinsamen Pizzabacken).

    @Christian:
    „Nur“ das Vorlesen von römischen Sagen einzufordern ist jedenfalls schon mal viel besser, als auch diese Sagen und das Vorlesen ätzend zu finden 😉 Es ist übrigens ganz und gar die Art und Weise, wie Homeschooler Geschichte lernen. Mein Sohn hörte Sagen noch und nöcher, suchte dann noch weitere Mythen als die römischen und griechischen Sagen, so kam er zu den Ägyptern, dann las er gerne die historischen Jugendromane von Rainer M. Schröder oder hörte die entsprechenden Hörbücher … – aus allem bekommt man schon ein Gefühl, wie das Leben in früheren Zeiten verlief ud bekommt auch noch geschichtlich korrekte Daten mitgeliefert.

    Von einer Mutter, die ihren Kindern zu Hause bis maximal Klasse acht strukturierten Unterricht gab, erfuhr ich mal, daß sie viel mit Was ist Was-Büchern und vergleichbarem Material arbeitete, weil sie die Schulbücher oft zu langweilig fand. Man könnte mit Schülern in Schulen eigentlich völlig ohne die typischen Schulbücher/-materialien/-programme arbeiten, finde ich – und alternative Schulen machen das ja auch (teilweise) so.

    ———-

    zur Einbürgerungsprüfung möchte ich auf diesen Blog-Post samt Kommentaren verweisen …

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