Eine unendliche Studie

Ein Thema, das seit einigen Wochen wieder die Bildungsressorts der Medien dominiert, ist der inkompetente Lehrer. Im Fokus diesmal: Lehramtsstudenten und Referendare. Bemängelt wird, dass zumeist die Schlechtesten, Arbeitsscheuesten und Unbeweglichsten ihres Jahrgangs den Lehrerberuf anstrebten, um dort verbeamtet ihren faulen Gelüsten frönen zu können.

Den durchtriebenen Gipfel der faulen Unverschämtheit findet man dann heute beim Focus:

Viele der befragten Studierenden hätten bei den Praktika gemerkt, dass sie inkompetent seien, „das hat sie aber nicht abgeschreckt“. (Focus Online)

Flankiert wird das Studenten- / Referendarsbashing von einer Studie, die belegen möchte, dass der Lehrerberuf zumeist aus windigen Gründen wie der Scheu vor Bewerbungsverfahren, der Befangenheit vor einem Umzug aus der Heimatstadt oder wegen des netten Halbtagsjobs ergriffen wird. Da „brenne“ kaum jemand, wird kolportiert, mehr Selektion sei vonnöten, die „faulen Säcke“ (O-Ton des Bundeskanzlers, der in seiner Amtszeit lustige Pipelineabkommen einstielte, um hinterher beim profitierenden Konzern den Frühstücksdirektor zu mimen) müssen also mal ordentlich aufgemischt werden.

Bei einem solchen Beschuss der Presse wagt man es als Referendar kaum noch, zu erzählen, welchen Beruf man sich erkoren hat. Das Stigma der Faulheit und Unfähigkeit zeichnet einen, wie ein schlecht gestochenes Tatoo auf der Stirn, das jeden Tag von auflagengeilen Tintenklecksern nachgezogen wird. Danke! Doch damit ist jetzt Schluss. Von Euch Berufsmiesepetern lasse ich mir nicht länger in die Suppe spucken.

Es ist frappierend, wie die Presse jahrelang mit stereotypen Bildern und Vorstellungen den Bildungsdiskurs bedient hat, um sich nun zu wundern, dass diese Bilder im Bewusstsein unserer Bundeskanzler und Studenten angekommen sind. Vielleicht fehlt es den kompententen Damen und Herren im Bildungsressort des Focus ein wenig an kritischer Selbstüberprüfung? Nein? Dann übernehme ich das heute mal.

Wiederkäuer
Was die Hochkompetenz im Blätterwald verschweigt, ist beispielsweise, dass man Zweifel an der Repräsentativität der Studie haben kann. Ich zitiere dazu einmal den Ersteller der Studie:

Im Laufe einer solchen Längsschnittstudie scheiden immer wie der Befragte aus, so dass nach etwa zehn Jahren nur noch eine verhältnismäßig kleine Gruppe übrig bleibt. Etwa 30 Prozent der Studienanfänger wechselten bereits in den ersten drei Semestern die Hochschule, sie studierten etwas anderes oder starteten eine Berufsausbildung. (Uni Frankfurt, pdf, 4,3MB)

und weiter

Eine nicht unbeträchtlich große Gruppe von etwa 25 Prozent aller Studienanfänger wollte eigentlich nie Lehrer werden, empfand die Studienwahl nur als »Notlösung«. Fast die Hälfte dieser Gruppe stieg aus, sobald sich eine Alternative bot. (ebd.)

Korrigiert mich, wenn ich hier mathematische Inkompetenz offenbare, aber nach meiner Rechnung bleiben für die Studie letztlich nur knapp 600 Probanden übrig. Von den 1.100 Studenten blieben nach lediglich anderthalb Jahren noch zwei Drittel, also ca. 730 Studenten. Dazu kommt das Achtel, das ausstieg, nachdem sich eine Alternative bot, ergo: 137 Studenten. Und 730 abzüglich 137 macht: knapp 600 Studenten, auf deren Befragung die Studie nun fußt. Schaut man in die absoluten Angaben in den Legenden der Tabellen, so kommt man sogar auf nur 526 Teilnehmer.

Bei den Referendaren hat man dann noch einmal zurückgesteckt:

Für diese Fragestellung betrachten wir nur noch diejenigen 50 Prozent der Stichprobe, die nach einem erfolgreichen Studium zeitnah in das Referendariat wechselten […]. (ebd.)

Man muss sich fragen, ob die Ergebnisse der Studie überhaupt auf einer Basis fußen, die man als repräsentativ bezeichnen kann. Die Ergebnisse, die bundesweit durch alle Medien hoch- und runterdekliniert werden, basieren meiner Meinung nach auf fragwürdigen Ergebnissen. Aber das ficht die Markwortsche Qualitätspresse nicht an, die kaut einfach fleißig wieder, was die Kollegen schon vor Wochen diskutiert haben. Für ’ne Schlagzeile wird’s schon reichen. Hauptsache man kann ein paar Schlagworte unters Volk bringen.

Begriffswirrwarr im Blätterwald
Obwohl es das tägliche Brot der Kompetenzjournalisten ist, nehmen sie es mit den Begriffen nicht allzu genau: Mit dem Wörtchen „Inkompetenz“ scheint man beim Focus schnell zur Hand zu sein.

Viele der befragten Studierenden hätten bei den Praktika gemerkt, dass sie inkompetent seien, „das hat sie aber nicht abgeschreckt“. (Focus Online)

Von welcher „Inkompetenz“ spricht man da? Von einer fachlichen Inkompetenz? Kaum vorstellbar, denn das fachliche Niveau einer Hauptschule sollte nahezu jeder Student am Ende seiner Ausbildung erreicht haben. Bei allen Problemen unseres Bildungssystems. Von pädagogischer Inkompetenz? Von didaktischer Inkompetenz? Von Inkompetenz, seine mannigfaltige Arbeit zu organisieren? Ja, Himmel! Welche denn nun? Oder gleich alle zusammen, spricht man da vielleicht von einer Art „Generalinkompetenz“? Würde doch hübsch ins Weltbild passen, gell?

Braucht Focus-Redakteure aber eigentlich nicht zu interessieren. Hauptsache die Leute haben einen Artikel, der ihnen nicht zu viel abverlangt und gängige gesellschaftliche Vorurteile bauchpinselt.

Blind Notengläubigkeit
Erschreckend auch die blinde Notengläubigkeit der Focus-„Bildungsexperten“. Die Besten gehen in die freie Wirtschaft, so das gängige Credo, der Lehramtsrest sei dafür zu schlecht und/oder zu furchtsam. Und weiter:

„Aber man kann sagen: Je niedriger die Schulform ist – also Grund-, Haupt- und Realschule – desto schlechter sind die Abiturdurchschnitte der Lehrer.“ (Focus Online)

Wie singt Pipi Langstrumpf? Ich mache mir die Welt… Wofür schickt man eigentlich Abiturienten auf die Uni, wenn dann am Ende zum „Beleg“ ihrer Unzulänglichkeit doch der Durchschnitt der Abiturnote zählt? Lernt man an der Universität denn nichts? Ist man also nach dem Abitur schon fertig? Traut man den Prüfungsverfahren der Universitäten denn gar nichts zu? Sollten die inkompetenten Lehrer etwa besser prüfen als die Professoren?

Dazu fällt mir immer wieder ein guter Bekannter ein, der mit einem unterdurchschnittlichen Abitur direkt im ersten Anlauf zahlreiche Einser-Kandidaten beim Bewerbungsgespräch einer Bank aus dem Felde schlug – aber wie unzulänglich Noten die tatsächliche Leistungsfähigkeit von Menschen abbilden, das ist ein Thema, das schon seit den 70ern jedem Bildungsexperten geläufig sein sollte und jedem Personalchef schon längst bekannt ist. Nicht umsonst greift man in der freien Wirtschaft auf alternative Konzepte zur Bewerberauswahl und nicht primär auf Noten zurück.

Vermutlich fällt das den fähigen Focus-Redakteuren erst dann wieder ein, wenn es an das Thema Hochbegabtenförderung geht – denn dann wird auch dem größten Pansen deutlich, dass Noten die Leistungsfähigkeit der Hochbegabten in der Regel nicht widerspiegeln. Und umgekehrt: Dass weniger begabte Schüler (zumindest nach den Maßstäben verschiedener aktueller Intelligenztests) durchaus Spitzennoten erreichen können.

Kurz: Das Gerüst, auf dem die Boulevardmagazine ihre Ergebnisse präsentieren, ist eine wacklige Angelegenheit. Aber das braucht in den Redaktionen niemanden zu interessieren, denn wenn das Dingen umstürzt, kracht es ja nur in die gaffende Menge und vielleicht erwischt es ja den ein oder anderen Lehramtstrottel.

Ich möchte hier nicht missverstanden werden: Die Probleme, die die Studie anspricht, sind durchaus ernstzunehmen und müssen gelöst werden – sollte sich die Studie als valide erweisen -, aber das Panikstakkato, dass die Boulevardpanscher jeden Tag gebetsmühlenartig (! – wie oft ist diese Studie in den letzten Wochen zitiert worden?) aus ihren missgestimmten Instrumenten herausquälen, geht mir zünftig auf den Zwirn! Dieses andauernde Hetzbröckchen in die Masse werfen, ohne die Diskussion ernsthaft zu befruchten, dieses Herumreiten auf Klischees, diese als Bildungsjournalismus verkappte Hexenjagd, all das lässt bei mir langsam aber sicher einen ernsthaften Beißreflex wachsen.

7 Gedanken zu „Eine unendliche Studie

  1. …….jawoll! Und es darf zurück gebissen werden. Die Studie ist aus Deinen genannten Gründen absolut anzuzweifeln und mir steht die ewige Miesmacherei ebenfalls bis hier. Ich versuche gerade mein erstes Examen fertig zu basteln; da freut man sich doch immer über qualifiziertes Seelestreicheln, putzige Motivationsversuche und halbgare Tatsachenberichte.

    Klar sitze ich neben Kommilitonen, deren Lehrfähigkeit man anzweifeln könnte.
    O-Ton: Ihhh…. ich hasse Kreide. Kreide is so eklich!
    Kein Kommentar. Obwohl sie wenigstens fachlich kompetent war, soweit ich das beurteilen konnte 😉

    Stoiber hat doch mal so eine schöne Rede zur „Kompetenz-Kompetenz“ gehalten. Dieses rhetorische Schmankerl zeigt uns doch, dass es nur darauf ankommt.

    Danke für den bravourösen Eintrag, ich klatsche immer noch. Das Schreiben hat Dir vermutlich enorm beim Dampfablassen geholfen, das Lesen hatte bei mir fast den gleichen Effekt.
    Übrigens, das Pisa-Studio kann jetzt auch in den RSS-Reader getütet werden.

  2. Die Studie müsste man sich gewiss noch einmal genauer anschauen und überprüfen, ob 250 Referendare und 526 Studis nicht doch als Grundgesamtheit ausreichen. Die Studie stört mich eigentlich weniger, als vielmehr die Berichterstattung. Es vergeht keine Woche, in der nicht mit dem immergleichen Tenor die Studie zitiert wird, wobei die positiven Aspekte verschwiegen werden und so getan wird, als sei der Lehrerberuf der einzige, in dem es Probleme bei der Bewerberauswahl gäbe.

    Ich sitze leider auch gerade an meiner Hausarbeit und habe keine Zeit, mich eingehend damit auseinanderzusetzen, aber da das Thema heute schon wieder im Spiegel Online verrührt wird, bin ich mir nicht sicher, ob ich durchhalte…

    Den RSS-Feed habe ich schon abonniert. 😉

  3. Ach, wie ich Deinen Ärger verstehe! Focus ist aber auch ein besonders schlimmes Magazin. Eigentlich taugt es nur für den Frisörbesuch, bei dem mich mein netter Frisör immer fragt: Wollen wir uns unterhalten oder möchten Sie lieber was „zum Blättern“?
    Den Focus-Fritzen sei’s gesagt: In allen Länder mit qualitativ hoher Performanz im Bildungswesen findet man auch ein hohes gesellschaftliches Ansehen der Lehrer. Und Henne und Ei ist hier ganz klar: Das Ansehen ist eine Voraussetzung – wenn auch natürlich nicht die einzige – für die hohe Qualität des Bildungswesens. Den Focussisten ist also nicht bloß vorzuwerfen, dass sie systematisch eine ganze Berufsgruppe kollektiv schlecht machen, sie sind auch mit Schuld am schlechten Zustand unserer Bildungsperformanz. Naja, das Blatt ist ja auch nicht gerade das Nonplusultra des gebildeten Journalismus.

  4. Die Aufregung zeigt, dass noch Illusionen bezüglich unserer „Qualitätspresse“ vorhanden sind. Mir ist z.B. bei der Berichterstattung über den Vietnam-Krieg damals schon deutlich geworden, dass diese Presse nur auf Qualität geschminkt war und ist. Leider sind die Zeiten so, daß man heute mit deutlicher weniger Schminke auskommen kann. Die einzige Qualität, die bei dieser Presse zählt, ist der gemachte Gewinn. – Wirkliche Qualität findet sich fast nur noch in Presseerzeugnissen, in denen es fast keine Werbung gibt und deren Macherinnen und Macher mit Hungerlöhnen auskommen müssen.
    Das Verfahren, Bestandteile der öffentlichen Daseinsversorgung schlecht zu schreiben, ist übrigens ein bewährtes Verfahren, um die Privatisierung zu erreichen; siehe z.b. Bundespost. Das soll ja auch im Bidlungsbereich erreicht werden. Also: immer feste drauf auf die Beschäftigten.

  5. Das Schlimme ist, dass man als Lehrer in einen Teufelskreis hineingerät: Beschwert man sich darüber, ist man ein „Jammerer“ oder ein „Nörgler“, der die Augen vor der Realität verschließt. Aber solange sich niemand beschwert, wird eifrig weitergeschossen.

    Nicht mit mir, ich bin gerne ein Nörgler… 😈

  6. Das Machwerk des Herrn Markwort fasse ich noch nicht mal beim Freiseur an. Es gibt sie zum Glück auch bei den türkischen Barbieren in Kreuzberg nicht. Aber der gesamte Krempel wurde auch im Spiegel schön verwurstet, eigentlich ein seriöses Blatt. Den nächsten, der Lehramtsstudenten und Referendare als Jammerer, Nörgler und Faulpelze bezeichnet verhaue ich sowieso mit der Cornelssen Gesamtausgabe.
    Wo darf ich denn eigentlich unterrichten (Kein Abi, § 11 Berliner Hochschulgesetz)? Baumschule?

  7. Es tut mir eigentlich auch leid für die vielen engagierten jungen Kollegen in der Ausbildung, die man mit solchen Artikeln nicht motiviert. Gerade waren wieder Praktikanten da, die sich teilweise richtig reingespreizt haben, die Referendare an unserer Schule machen auch einen guten Job und bemühen sich. Sie bräuchten sicher mehr Hilfestellungen (wenn ich an meine eigene Ausbildung vor 12 Jahren zurückdenke), aber nicht durch solchen Studien-Mist. Ansonsten schließe ich mich auch den Ausführungen von LisaRosa an.
    Eine bessere Darstellung ist in diesen Tagen in der Zeit zu finden, etwa unter http://www.zeit.de/2008/10/C-Lehrer-Portraet-Gommen.

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