Eine langweilige Folie

Eines muss man Roland Koch ja lassen: Er bedient zum perfekten Zeitpunkt meine Unterrichtsreihe zum Thema „Jugendkriminalität“. Kaum will ich mit meinen Schülern Sinn und Unsinn härterer Strafen erörtern, tritt der hessische Ministerpräsident eine Debatte los, die, breit von den Medien aufgegriffen, auch bei meinen jugendlichen Schülern angekommen ist.

Für einen Stundeneinstieg bot sich also eine Folie mit Koch- und ähnlichen Forderungen an. Verschärfung der Jugendstrafe, Sicherungsverwahrung schon ab 18, Ausweisung und Bootcamps – alles Vorschläge, mit denen man eine prima Diskussion anzetteln könnte. Also flugs (und Google News sei dank) entsprechende Aussagen zusammengesucht und zugegebenermaßen recht lieblos auf eine Folie gedruckt.

Da die Folie als Einstieg gedacht war, sollte sie (eigentlich) auch optisch etwas hermachen, schließlich buhlt man als Lehrer um die Aufmerksamkeit von 33 Köpfen gleichzeitig. Deshalb wollte ich die gemachten Aussagen optisch unterstützen, vielleicht durch zackige Umrandungen, Signalfarben oder ähnliche dem Boulevardjournalismus nicht ganz unbekannte Verfahrensweisen. Die Schüler würden, das war mir völlig klar, sich sowieso kollektiv gegen die lächerlichen, durchschaubaren Koch-Forderungen stemmen. Leider war die Tageszeit schon zu weit vorgerückt, sodass ich lediglich die Schriftarten abwechslungsreich gestaltete und auf weitergehende Designanpassungen verzichtete.

Und vielleicht war das auch gut so. Denn die überwältigende Mehrheit der Schüler äußerte sich unerwartet positiv gegenüber den Koch-Vorschlägen. „Recht so!“ oder „Die haben wohl auch ’nen Kopf zum Denken!“ und „Da helfen nur härtere Strafen!“ waren Sätze, die durch die Klasse flogen. Und ich stand verblüfft abseits an der Tür und wunderte mich. Das hätte ich nicht erwartet. Und vielleicht nie erfahren, wenn meine Folie schon durch ihr reißerisches Design eine bestimmte Einstellung offenbart und unter Umständen damit schon das Konfliktpotenzial des Themas zerstört hätte.

So kann ich nun beruhigt meine Schüler in Gruppen zu verschiedenen aktuell möglichen Jugenstrafmaßnahmen arbeiten lassen, wohlwissend, dass nicht alle auf Hokey gebürstet sind. Und am Ende lege ich meine langweilige Folie noch einmal auf. Mal schauen, was dann dabei rauskommt.

3 Gedanken zu „Eine langweilige Folie

  1. Also, „meine“ Schüler haben von dieser Diskussion gar nichts mitbekommen. Ich mache gerade Medien/Schwerpunkt Zeitung in der Schule – angesprochen auf aktuelle Diskussionsthemen kam das Jugendgewalt-Problem gar nicht… Da muss „brutalst möglichst aufgeklärt werden“… 🙂 (den Herren kennen wir doch)

  2. Dass die Schüler den Vorschlägen der Scharfmacher so offen gegenüberstehen ist schon erstaunlich.

    Mich würde mal interessieren, woher diese Zustimmung kommt. Oder lesen Ihre Schüler die „Bild“?

  3. @Markus
    Meine wussten zumindest, worum es ging, sprich: Da haben zwei Jugendliche einen Rentner zusammengeschlagen. Alles darüber hinaus war auch unbekannt, was mich andernfalls auch echt gewundert hätte. Mich hat Politik in dem Alter nicht die Bohne interessiert.

    @Olaf
    Ich war zunächst auch erstaunt, doch ich vermute, dass das Thema meine (etwa vierzehnjährigen) Schüler nicht genug unmittelbar betrifft, um auf Widerstand zu stoßen. Die sind sich doch sehr sicher, dass sie nicht in die Verlegenheit kommen, vor einem Jugendrichter zu stehen, nehmen eher die Opferperspektive wahr und kommen dann entsprechend zu dem Schluss, dass eine harte Strafe nur gerecht ist.

    Man darf dabei nicht vergessen, dass die doch recht jungen Leute noch keine große Vorstellung von Wahlkämpfen oder Themen wie Resozialisierung haben. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das nach der Unterrichtseinheit anders aussieht. 😉

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