Die Tücken der Grammatik

Im Lehrerzimmer. Die Pinnwand. Ein neues Blatt unweit der Vertretungspläne. Fast durchgehend mit gelbem Textmarker markiert. Die Überschrift: „Germanistikstudenten mit Grammatiklücken„. Quelle: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Ertappter Blick über die Schulter, guckt auch niemand? Mehr als zwei Drittel der Germanistikstudenten erreichten in Grammatik nicht den Kenntnisstand von Fünft- und Sechstklässlern.“ heißt es da und weiter: „77,5 Prozent der bayerischen Teilnehmer in Erlangen erkannten „käme“ nicht als Form des Konjunktivs Imperfekt, 88,2 Prozent bestimmten „manche“ nicht als Pronomen, und 86,6 Prozent konnten „dort“ nicht als Adverb identifizieren.“ Studenten aus Bayern! Was soll ich als Nordrhein-Westfale denn da sagen?

Tückisches Studium
Tschuldigung, wenn ich das hier so offen zugebe, aber ich kann die obigen Ergebnisse sehr gut nachvollziehen, auch wenn ich die genannten Aufgaben geschafft hätte. Germanistikstudenten haben in etwa 0 (in Worten: Null) Kontakt mit der Schulgrammatik. Sie sitzen in Vorlesungen und Seminaren, in denen man über Whorf, Saussure, Humboldt und Chomsky diskutiert, über Ecos „Kritik an der Ikonizität“ philosophiert und möglicherweise die ein oder andere Einheit Psycholinguistik absolviert. Profane Dinge wie Adverbien oder Adverbiale sind da doch nebensächlich.

Den letzten Kontakt mit deutscher Grammatik hatte ich in der zehnten Klasse durch Latein, danach war Grammatik nicht mehr gefragt: Weder beim Bund, noch bei meiner Übergangsstelle als Produktionshelfer, noch im Studium. War nicht nötig. Nicht Thema.
Zuletzt macht man sich im Studium dann doch Gedanken und wird aktiv. Kauft Übungsbücher, erarbeitet sich die Dudengrammatik, damit man letztlich nicht „nackt“ dasteht. Aber was davon nun Thema in der Sek I ist, wie tief man das Thema bearbeiten muss, ergibt sich erst aus dem Unterricht, was man erstaunlicherweise „oben“ wohl zur Kenntnis genommen hat:

Der zuständige Ministerialrat in der Gymnasialabteilung, Krimm, erklärt sich das Vorpreschen der Lehramtsprüfer mit ihren Befürchtungen, die Sprachwissenschaften könnten bei der Modularisierung der Lehramtsstudiengänge zu kurz kommen. (…) In der Regel bezögen die Referendare ihr Grammatikwissen aus der Vorbereitung auf den Unterricht, sagt er. (FAZ)

Das Problem ist, dass man als Student den Grammatikunterricht oft unterschätzt. Das bisschen Satzbau, den Konjunktiv und die handvoll Wortarten kann ich doch schon, denkt man oft und unterschätzt, wie exakt und trennscharf man Grammatik im Unterricht tatsächlich behandeln muss. Wichtig ist vor allem, dass man einen sehr guten Überblick hat, um Zweifelsfällen nicht mit Halbgarem zu begegnen oder gar aus dem Wege gehen zu müssen. Das ist unbefriedigend.

Tückische Schulbücher
Hinterfragen muss man jedoch auch Schulbücher, die Grammatik ungenau vermitteln und die Schüler (und damit auf lange Sicht auch die Lehramtsstudenten) verwirren. Ich habe in den letzten Tagen Grammatikunterricht in der Unterstufe beigewohnt, welcher Attribute behandelte. Im Buch steht dazu als besonders markierte Regel: „[Das Attribut] ist Teil eines Satzglieds und bleibt bei der Umstellprobe mit seinem Bezugswort verbunden.“ (Hervorhebungen im Original)

Das stimmt auch. Aber nur so lange, bis man mit den Schülern das erste Mal ein präpositionales Attribut als Beispiel durchnimmt. Diese kann man z.T. nämlich sehr wohl vom Bezugswort wegstellen, was den Schülern bei Übungsaufgaben auch prompt gelingt und für reine Verwirrung sorgt. Dass man das Attribut auch mittels der Ersatzprobe feststellen kann, die in solchen Fällen hilfreich ist, wird mit keiner Silbe erwähnt, obwohl der im Buch folgende Übungstext solche Beispiele hergibt. Didaktisch sinnvoll ist das nicht.

Wie auch immer: Für den Fall, dass die Schulbücher ungenau sind, stehe ich ja da vorne. Und ich werde grammatisch noch ein paar Schippen drauflegen, um wirklich absolut sattelfest zu sein.

3 Gedanken zu „Die Tücken der Grammatik

  1. Das Problem mit dem Grammatikunterricht in der Muttersprache (!) rührt aber auch daher, dass es für die S schlicht nicht notwendig scheint, diese Kenntnisse zu haben: *wozu* muss ich ein Substantiv deklinieren können? Mal ehrlich: diejenigen, die „zun Zoo“ gehen statt „zum Zoo“, werden im Zweifelsfall nicht gedanklich die Deklinationsmuster durchgehen.

    Grammatik dient der Beschreibung von Sprache und ihrer Funktionsweise – nur wenn das gewollt wird, sind Grammatikkentnisse sinnvoll.

    Ein richtiger Ansatz ist daher der integrierte / funktionale Grammatikunterricht, wie ihn beispielsweise Günther Einecke propagiert.

    Dass für die Fremdsprachen aus verständlichen Gründen vielleicht ganz anderes gilt (dort brauchen wir die Grammatik nämlich, um regelgemäß sprechen lernen zu können), ist klar.

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