Meine erste Stunde

So langsam lesen sich die Überschriften hier wie in einem Poesiealbum, aber das legt sich, wenn nicht mehr alles "das erste Mal" ist. 😉

Ich komme nicht mehr so recht zum Bloggen, wie meine Stammleser wohl gemerkt haben dürften; die Beitragsrate pro Tag ist rapide gesunken, was daran liegt, dass mein Tag meist mit anderen Dingen gefüllt ist. Zum Beispiel mit sinnloser Quellenrecherche.

Hektische Vorbereitung
Am Wochenanfang hatte man uns mitgeteilt, schon heute (Donnerstag) eine Unterrichtsreihe zum Thema "Imperialismus" bestreiten zu dürfen. Da wir wussten, dass wir erst Mittwoch wieder zur Planung kommen würden, stürzten wir uns ins Bibliotheksgetümmel und schürften nach Quellen zum Imperialismus des 19.Jahrhunderts, um dann am Mittwoch zu einer Hospitationsstunde in der fraglichen Klasse sitzen zu dürfen.

Tja, witzigerweise wurden in dieser Stunde dann genau die gleichen Quellen behandelt, die wir uns für unsere Reihe besorgt hatten, das Thema Imperialismus abgeschlossen und als neues Thema die Balkankriege und die Julikrise, also die Hinführung zum Ersten Weltkrieg, verordnet. 

Nicht übel – unsere Quellen waren damit nutzlos und wir hatten einen ganzen Tag, um eine Doppelstunde zu den Themen Balkan- bzw. Julikrise vorzubereiten und ehrlich gesagt, schüttelt man sich als Anfänger eine Stundenvorbereitung nicht eben aus dem Ärmel. Neue Quellen bzw. Literatur mussten herangeschafft, Einstiege überlegt, die politische Ausgangslage geklärt, der historische Kontext genau aufgedröselt und ein roter Faden gezogen werden, was locker bis halb Acht gedauert hat. Die beiden Tröpfe, die die ersten beiden Stunden halten sollten, darunter ich mit der ersten Stunde, mussten natürlich zu Hause auch noch "ran". Also kein Schweiz gegen Deutschland für mich.

Erfahrene Lehrer werden sagen, dass das ihr täglich Brot sei, aber für uns vier war das wirklich keine leichte Sache. Immerhin sind wir jetzt schon einmal gut für die Zeit eingestimmt, in der mehr Stunden von uns verlangt werden. Detailgenaue Vorbereitung wird dann einfach zeitlich nicht mehr drin sein.

Ein rundes Ei
Nun denn, die Planung sei "eine runde Sache", so mein Fachleiter. Auch meine größte Sorge konnte er zerstreuen, ich habe nämlich die permanente Befürchtung, meine Stunden könnten zeitlich zu kurz geplant sein. Horror! Nach zwanzig Minuten vor einer Klasse zu stehen und "durch" zu sein. Grausam! Aber unser Fachleiter gab uns ein paar Kniffe mit auf den Weg, um einer solchen Situation zu begegnen, auch wenn er eher das Gegenteil befürchtete.

Und Recht hatte er, ich hätte gut und gerne noch zehn Minuten gebrauchen können, was ärgerlich war, da ich so keine schriftliche Ergebnissicherung mehr durchführen konnte. Merke: Immer das Stundenende im Blick behalten und besser am Ende ewas strecken als keine Ergebnisssicherung duchzuführen. So musste ich unschön kürzen, um den Bogen für meinen nachfolgenden Kollegen zu spannen, damit dieser dort ansetzen konnte, wo ich aufgehört hatte.

Zwischendrin wurde es ein wenig eierig, weil ich den Panslawismus-Begriff an einem Text erörtern wollte, mir aber in der Stunde klar wurde, dass das keine gute Idee sei. Darauf habe ich quasi die Stunde "abgeschnitten" und eine kurze Begriffsklärung vor dem Text eingeschoben, weshalbdie Stunde an dieser Stelle kurz aus dem Fluß geriet.

Verblüffend
Verblüfft hat mich, wie schnell die Schüler oft Ergebnisse im Voraus erreicht hatten, die ich erst noch erarbeiten wollte. Man kommt sich ein bisschen vor wie Mr.Bean, wenn man sich stundenlang schwitzend überlegt, wie man Schülern eine Problematik nahebringen kann, und diese erledigen das dann im Unterricht in einem Halbsatz zwischen Lippenstiftnachbehandlung und Wasserflasche. Andererseits werden oft ziemlich einfache Sachen nicht verstanden. Was heißt "annektieren", war eine Frage. Joooa… also – und dann glaubt man, eine druckreife Definition raushauen zu müssen, die man natürlich nicht parat hat. Man weiß ja, was "annektieren" heißt. Ich habe es dann einfach umschrieben.

Obwohl – auch die Erfahrung mit "zu schnellen" Schülern war nützlich. Denn in einer Situation war ich, zeitlich angespannt, sehr glücklich über die schnelle und korrekte Antwort eines Schülers, lobte diesen und vergaß, dass andere Schüler möglicherweise nicht so schnell seinem Gedankengang folgen konnten. Es ging um die korrekte Ikonographie einer Karikatur, die durchaus nicht ohne Schwierigkeit war. In dieser Situation hätte ich natürlich noch einmal für alle eine Erklärung nachliefern müssen, was ich aber nicht gemacht habe, wofür ich mir gerade vor die Stirn hauen möchte. Denn dass die richtige Antwort gefallen ist, bedeutet noch lange nicht, dass alle alles verstanden haben. 

Verblüffend war ebenfalls die Reaktion einiger Schüler auf meine Aufforderung, die in einem Text beschriebenen Konflikte lediglich farblich zu markieren. Ich hatte das als Arbeitserleichterung gedacht, damit die Schüler sich bei einer Diskussion schnell an ihren Farben orientieren können. Vielleicht trifft es der Kommentar eines Schülers zu seiner eifrigen Banknachbarin: "Wenn Du so loslegst, dann kannst Du auch gleich die Stellen unmarkiert lassen, wo Konflikte zu finden sind." Junge, war das Blatt gelb. Laughing

Immerhin, die Stunde hatte einen Anfang und ein Ende plus einen roten Faden, der bis in die nächste Stunde hineinreichte. Das sind kleine Erfolge, die ich in meinen Praktikumsstunden nicht verzeichnen konnte. Und Spaß gemacht hat es auch. 

Ein Gedanke zu „Meine erste Stunde

  1. Ach herrje, Quellensuche! Imperialismus? Ich sehe, Du bist Geschichtslehrer. Ich habe Regalmeter voll mit Quellenheften, Unterrichtsblättersammlungen, Geschichtsbüchern aus allen einschlägigen Schulbuchverlagen, die ich schon geneigt war wegzuwerfen, weil ich sie jetzt nicht mehr brauche (was ich brauche hole ich aus dem Netz oder denke es mir selbst aus.) Aber die Sachen haben mir gute Dienste geleistet und Quellen werden ja nicht alt: Willst Du es haben? Dann maile mir Deine Adresse und ich schicke es gegen Paketporto. Dann brauchst Du vielleicht nur jedes zweite Mal in die Bibliothek … 😉

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