…eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen…

Vielleicht sollte man Schülern, aber auch geniegläubigen Großmüttern, dieses Zitat des Romanciers Umberto Eco entgegenhalten:

Ein Erzähler darf das eigene Werk nicht interpretieren, andernfalls hätte er keinen Roman geschrieben, denn ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen. (Eco, Umberto: Nachschrift zum Namen der Rose, S.9f)

Ich kann mich da noch sehr gut an meine Haltung als Schüler erinnern: es war exakt dieselbe, die Herr Rau in einem seiner Einträge beschreibt (und der, wie ich gerade feststelle, genau den gleichen Ansatz beschreibt. Sie verpassen nix, wenn Sie jetzt einfach bei Herrn Rau weiterlesen…). Der Autor muss sich ja etwas beim Schreiben gedacht haben, warum also sollte ich mickeriger Schüler dessen geniale Arbeit durch meine Interpretation zerstören? Bestenfalls galt es, den Sinn herauszufiltern, den der Autor in seine Schrift gelegt haben mochte, um dann in Abhängigkeit von der überlieferten Größe des Genies ehrfürchtig das jugendliche Haupt zu neigen.

Und ich war nicht der Einzige. Das Ganze ging soweit, dass unser Deutschlehrer uns auf Knien anbettelte, einen vorliegenden Text doch wenigstens versuchshalber religiös zu interpretieren. Mit spitzen Fingern folgten wir und fühlten uns gegängelt, was uns nicht davon abhielt, unserem Lehrer  die Klassenarbeit dennoch mit religiösen Interpretationen zu versüßen. Er war’s zufrieden, aber wir nicht überzeugt.

„Ein Roman ist eine Maschine“

„Maschine“ wird in meinem alten Fremdwörterlexikon als „‚Werkzeug‘ größerer Selbständigkeit bis zum Vollautomaten“ bezeichnet. Begreift man nun Interpretieren unter Rückgriff auf Eco als verselbstständigtes Deuten eines Textes, so scheint mir die Idee meines Deutschlehrers als nicht besonders gelungen, gleichwohl er genau dieses Problem erkannt hatte und beheben wollte. Nur an der Selbständigkeit haperte es, weil wir Schüler die heilige Schrift ja nicht anrühren wollten.

Dabei gehört es doch zum banalen Schüleralltag, Texte eigenwillig zu interpretieren, nur sind das in der Regel keine kanonischen Schwergewichte, sondern Songtexte. Warum also den Schülern das Problem des Interpretierens, also des verselbstständigten Wechselspiels zwischen Text und Leser, nicht an den aus der eigenen Lebenswelt stammenden Songtexten klarmachen? Damit meine ich nicht: Juli, Silbermond und Rammstein im Unterricht „durchnehmen“ (örks), sondern vielmehr den Schülern bewusst machen, dass sie selber beim Hören dieser Texte immer und unentwegt interpretieren.

Ich behaupte (Glatteis voraus ;-)), dass man mit Songtexten Schülern leichter begreiflich machen kann, dass Interpretieren keine Vergewaltigung eines Textes ist, sondern ein menschlicher Automatismus, dem man um so mehr Wege öffnet, als man in der Lage ist, einen Text reflektiert zu lesen. Denn Interpretieren ist eigentlich Schüleralltag. Ich wette, zu meiner Zeit hatte jeder Schüler seine ganz persönliche Vorstellung davon, wie „teen-spirit“ riecht.

Möglicherweise akzeptieren Schüler dann eher, dass man auch Goethe, Schiller und Heine als interpretierbares Material, als Denkanstöße, als Bezugspunkte in einem literarischen Geflecht, als etwas Flexibles, etwas Persönliches lesen kann. Vielleicht sollte man den (Wieder-)Einstieg  in das Thema „Interpretation“ einfach mal mit Songs beginnen. Mit einem iPod als Maschine zur Erzeugung von Interpretationen.

(Disclaimer: Ich bin mir im Klaren, dass diese Idee nix Neues unter der Sonne darstellt, aber ich musste dieses Eco-Zitat irgendwo hier unterbringen! ;-))

7 Gedanken zu „…eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen…

  1. Roman als Maschine zur Erzeugung von Interpretation ist großartig. Werde ich mir merken.
    Gerade habe ich bei Amos Oz (Eine Geschichte von Liebe und Finsternis) das Kapitel 5 gelesen, worin er sich zu Beginn über „gute“ und „schlechte“ Leser ausläßt. Der schlechte Leser ist der, der den Autor fragt, was er denn mit der Geschichte sagen wollte und versucht, ständig biogrfische Bezüge zum Autor herzustellen. Der gut – na eben, ist der, der die Geschichte für sich selbst vereinnahmt.
    „Wer den Kern der Geschichte im Verhältnis zwischen Werk und Autor sucht, der irrt: Man sollte ihn nicht im Verhältnis zwischen dem Text und seinem Verfasser suchen, sondern in dem zwischen Text und Leser.“
    Das ist ja das Schöne an guter Literatur – dass sie etwas mit einem selbst zu tun hat. Als Kind dachte ich immer erstaunt: Woher weiß der Autor das denn, er kennt mich doch gar nicht …

  2. Das ist wahr! Dieses manchmal krampfhafte Hineininterpretieren der Biografie. Schon als Blog-Autor, der bisweilen mehr von seiner Biografie preisgibt, als ihm lieb ist, denke ich mir oft, dass die Texte, die die Leser zu Gesicht bekommen noch meilenweit vom Menschen entfernt sind. Deshalb bin ich mittlerweile sehr vorsichtig, wenn es darum geht, Blogger zu beurteilen.

    Ein witziges Erlebnis hatte ich einmal bei Frischs „Homo faber“, der einen Traum beschreibt (den mit den Zähnen, die wie Kieselsteine im Mund liegen), den ich genau so auch schon einmal geträumt habe. Solche schreckliche, gemeinsame Erfahrungen verbinden Figur und Leser. 😉

  3. Danke für die Erinnerung an das Eco-Zitat. Ich habe es früher immer wieder mal verwendet, aber dann aus dem Blick verloren. Das trifft es nämlich recht gut. Das Teen-Spirit-Beispiel ist schön konkret und nachvollziehbar, ich bin tatsächlich noch nie über Songs gegangen. Probiere ich nächstes Mal aus.

  4. > Einstieg in das Thema „Interpretation“ einfach mal mit Songs beginnen.

    Wenn Schüler plötzlich „Teen Spirit“ (oder was auch immer) plötzlich GENAU lesen müssen und sich z.B. über das Bild der Mauer in Pink Floyd „The Wall“ („We don’t need no education …“) Gedanken machen und diese dann auch noch BEGRÜNDEN müssen, kurz wenn es in ARBEIT ausartet, dann verlieren auch Songs sehr schnell ihre Anziehungskraft. Das ist aber selbstverständlich kein Argument dagegen, es mal auf diese Weise zu probieren. Nirwana ist für heutige Kids ja auch schon wieder Steinzeit, fast so weit weg wie Goethe 😉

  5. Das ist wohl wahr! 😀
    Man entfernt sich doch recht schnell von der (aktuell) jungen Generation. Für die ist Kurt Cobain wohl in etwa das, was Jimi Hendrix für uns war: ein alter Sack, von dem keiner weiß, warum alle so einen Bohei darum machen.

  6. Hallo,

    schöner Beitrag.

    Mit Songs hat man sicher bessere Karten junge Menschen zu erreichen und zum Interpretieren zu bewegen. Ich habe aber häufig den Eindruck, dass die meiste Musik „ohne Verstand“ gehört wird. Englisch ist bei den Jugendlichen die vorherrschende Sprache in unserem Musikzeitalter und wie gut die Sprachkompetenz eines 11. Klässlers in Sachen Englisch ist, darüber kann man mal nachdenken. Generell bin ich der Meinung, dass das Englisch uns als Non-Native-Speaker die wirklich guten und vielschichtigen Songtexte verwehrt. Das was in den Charts auf und ab dudelt ist ja eher einfach gehalten und beschäftigt sich mit den Hauptproblemen der Jugendlichen: Liebe, etwas Selbstfindung, Konflikte mit der Gesellschaft. Ich habe aber jedes mal Probleme etwas kompliziertere englische Texte zu verstehen. Dabei muss ich die Texte im Internet nachgucken und dazu noch die Vokabeln entschlüsseln. Ich kann höchstens den Refrain verstehen und ich befürchte, dass es vielen Jugendlichen auch so geht und die wenigstens beschäftigen sich wirklich mit dem Text. Man hört die englischsprachige Musik nur unbewusst und da es eine fremde Sprache ist, werden selbst unelegante Texte automatisch zu lyrischen Meisterwerken, während man bei deutschen Texten die absoluten Peinlichkeiten bewusst hören muss.
    Aber vielleicht ist das auch ein spezielles Problem von mir und ich unterschätze die Englischkenntnisse von Jugendlichen.

    Grüße
    Dirk

  7. Manchmal bin ich ganz froh, dass ich nicht immer alles verstanden habe, was Guns n‘ Roses mir ins Ohr geflüstert haben… 😉

    Dem Problem kann man auch entgehen, indem man deutsche Texte nimmt. Bands wie „Wir sind Helden“ liefern ja genug Diskussions- bzw. Interpretationsstoff, an dem man zeigen kann, dass die Aussage eines Textes nicht eine feste, vom Autor determinierte Größe ist. Im Übrigen war ich schon in meiner Schulzeit oft sehr erstaunt darüber, wie tief sich manche in die englischen Texte hineingestürzt haben – es sind gewiss nicht alle Schüler so „recherchefaul“ wie man gemeinhin annimmt.

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